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Kultur

„Der Islam hat die Poesie getötet“

Vor der Verleihung des Remarque-Friedenspreises wehrt sich der syrische Lyriker Adonis gegen seine Kritiker. Er meint, nur die Trennung von Staat und Religion könne die Konflikte der arabischen Welt lösen.

JEROME BONNET / DER SPIEGEL
von
Romain Leick
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Die geplante Auszeichnung des in Syrien geborenen Schriftstellers Adonis mit dem Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis der Stadt Osnabrück hatte im vergangenen Jahr heftigen Streit ausgelöst. Die Ehrung, die schon im November hätte stattfinden sollen, wird nun am 19. Februar nachgeholt. Die Proteste von Menschenrechtsaktivisten und Kritikern des syrischen Regimes sind nicht verstummt. Im SPIEGEL erhob der 1980 aus dem Irak nach Deutschland geflohene Autor Najem Wali seinen Einspruch. In der Kontroverse geht es vor allem um das politische Denken von Adonis und seine ablehnende Haltung zum syrischen Widerstand. Adonis, die mythologische Figur, die Schönheit, Liebe, Tod, Wiedergeburt und Fruchtbarkeit symbolisiert, ist das Pseudonym von Ali Ahmad Said Esber, 86. Er lebt in Paris und gilt als der bedeutendste lebende Dichter arabischer Sprache. Adonis wurde mehrmals als Anwärter für den Literaturnobelpreis genannt und erhielt 2011 den Goethe-Preis der Stadt Frankfurt. Zuletzt erschien von ihm auf Französisch der Gesprächsband "Violence et Islam" ("Gewalt und Islam"; Éditions du Seuil). Darin beschäftigt er sich mit der arabischen Zivilisation und dem sakralisierten Charakter der Gewalt.

SPIEGEL: Adonis, haben Sie überlegt, den Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis abzulehnen, nachdem die Stadt Osnabrück die Verleihung wegen der heftigen Proteste verschoben hatte?

Adonis: Warum hätte ich verzichten sollen? Ich kann keinen vernünftigen Grund dafür erkennen.

SPIEGEL: Als Dichter sind Sie unumstritten, in der Politik aber provozieren Sie mit Ihrer Haltung zum syrischen Bürgerkrieg und Ihrer Fundamentalkritik am Islam. Der Name des leidenschaftlichen Pazifisten Remarque steht mehr für einen politischen als für einen literarischen Preis.

Adonis: Auch ich bin leidenschaftlicher Pazifist. Ich lehne Gewalt ab. Mein dichterisches Werk hat eine politische Dimension – sogar eine eminent politische, wenn auch untergründige, weil es einen Bruch mit der vorherrschenden arabischen Kultur darstellt. Poesie verliert ihren Sinn, wenn sie aufhört,…

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Nr. 7/2016