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Kultur

Der herrenlose Schriftsteller

Für die einen ist er ein antipolnischer Unruhestifter, für die anderen ein Rechtsradikaler: Szczepan Twardoch polarisiert Polen. Jetzt erscheint sein neuer Roman „Der Boxer“.

SVEN DÖRING / DER SPIEGEL
von
Jurek Skrobala
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Twardoch teilt aus. Nach links, nach rechts, gegen die Pratzen seines Trainers in einer Kampfsportschule in Knurów – polnischer Südwesten, oberschlesisches Nirgendwo. Nicht jeder Schlag sitzt, Twardoch schwitzt, er schnauft. "Ich würde mich nie als Boxer bezeichnen", hat er kurz zuvor gesagt.

Szczepan Twardoch, 38, ist auch gar kein Boxer, sondern Schriftsteller. Einer, der in Polen lebt, auf Polnisch schreibt, sich aber als Schlesier sieht, als ein Dazwischen. Vom Dazwischen handeln oft auch seine Romane, von zerrissenen Gestalten, die sich kaum einer Nation zugehörig fühlen, kaum einem Klub. "Der einzige Klub, in dem ich Mitglied sein will, ist der Klub Szczepan Twardoch", sagt er über sich – das berühmte Groucho-Marx-Zitat, abgewandelt fürs Zeitalter der Egomanie. Twardoch verkriecht sich nicht im Dazwischen. Als einer der lautstärkeren Intellektuellen Polens tritt er nicht als Sprachrohr eines politischen Lagers auf; er nimmt sie alle ins Visier.

"Der Boxer" ist Twardochs jüngster Roman, soeben auf Deutsch erschienen. Darin geht es um die inneren wie äußeren Konflikte eines jüdischen Schönlings und Boxers, Jakub Shapiro, der im Warschau des Jahres 1937 als brutaler Handlanger für einen Gangsterboss arbeitet; in der Endphase der Zweiten Polnischen Republik also, die 1939 durch den Hitler-Stalin-Pakt zersprengt wurde. In Zeiten politischen Tumults, als sich Nationalradikale und Sozialisten bekämpften, in den Medien, in den Hörsälen, auf den Straßen…

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Nr. 6/2018