Lesezeit 16 Min
Gesellschaft

Der Hass und die Heime

In den ersten sechs Monaten dieses Jahres attackierten Rechte in Deutschland beinahe täglich Unterkünfte für Asylbewerber. Flüchtlinge fürchten um ihr Leben.

DER SPIEGEL
von
Matthias Bartsch
,
Sven Becker
,
Jan Friedmann
,
Conny Neumann
,
Maximilian Popp
,
Anna Reuß
,
Jörg Schindler
,
Barbara Schmid
,
Timo Steppat
und
Andreas Wassermann
Lesezeit 16 Min
Gesellschaft

An einem Montagabend im Juli hat Samuel Osei Todesangst. Zwei Neonazis belagern den Plattenbau am Stadtrand von Greifswald, in dem Osei untergebracht ist. Die beiden Männer sind angetrunken. Sie pöbeln. Osei, Asylbewerber aus Ghana, tritt auf den Balkon. Er versucht, sie zu beschwichtigen. Er ruft: "Es tut mir leid!" Die Rechten werden noch aggressiver. Sie brüllen. Einer der beiden zieht sein T-Shirt aus, Osei erkennt ein Hakenkreuz auf der Brust.

Die Männer stürmen das Haus. Sie hämmern gegen Oseis Wohnungstür. Sie drehen im Keller die Sicherung heraus. Osei kauert in seinem Zimmer im Dunkeln. Er ruft einen Freund an. Der verständigt die Polizei. Als die Beamten eintreffen, sind die Angreifer schon weg.

Wenn Samuel Osei von jenem Abend vor eineinhalb Wochen erzählt, bricht seine Stimme. Die Spuren der Attacke sind noch zu sehen: Die Tür ist eingedellt, der Spion zersplittert. "Diese Typen wollten etwas zu Ende bringen", sagt er.

Osei, 29, lebt seit acht Monaten in Deutschland. Er lernt Deutsch, er jobbt als Umzugshelfer für andere Flüchtlinge. Osei mag Greifswald, er mag das Meer, die Altstadt. Die meisten Menschen im Ort seien freundlich und hilfsbereit. Die Anfeindungen der Rassisten treffen ihn schwer.

Einer der Angreifer habe ihn schon früher auf der Straße beschimpft. Mehrmals wurde der Briefkasten vor seiner Wohnung demoliert. Der Ghanaer besitzt Fotos der beiden Angreifer und hat bei der Polizei ausgesagt. Der Staatsschutz ermittelt. "Das war mentale Folter", sagt Osei.

Deutschland ist in diesen Tagen ein gespaltenes Land. Einerseits ist die Solidarität mit Flüchtlingen in der Bundesrepublik so groß wie selten zuvor. In der ganzen Republik haben sich Initiativen gegründet, die Asylbewerbern im Alltag helfen.

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Hauptherkunftsländer
Asylbewerber im Zeitraum vom 1. Januar bis 30. Juni

Andererseits ist das Land mancherorts schwer zu ertragen. Rassistische Gewalt nimmt zu. Das Bundesinnenministerium verzeichnet für die ersten sechs Monate dieses Jahres 173 rechte Straftaten gegen Asylunterkünfte – fast dreimal…

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Nr. 31/2015