Lesezeit 17 Min
Gesellschaft

Der große Gürtel des Glücks

Der Schriftsteller Navid Kermani setzt seine Reise für den SPIEGEL fort. Nun schildert er den Weg von Georgien nach Baku, auf dem er eine Nonne, die Formel 1 und eine Heldin trifft.

DMITRIJ LELTSCHUK / DER SPIEGEL
von
Navid Kermani
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Gesellschaft

Fünfter Tag

Dass sich die Kirchen in Kachetien so harmonisch in die Landschaft einfügen, als wären sie aus der Erde emporgewachsen, liegt nicht nur am Sandstein oder ihren menschlichen Dimensionen, die Kuppeln kaum höher als der höchste Baum; es liegt auch am Zustand nach ihrer Wiedereinweihung. Den Reichtum, den die Kritiker dem georgischen Klerus vorhalten, merkt man den Restaurierungen nicht an, die nicht mehr als das Nötigste instand gesetzt, freigelegt, geputzt, statisch gesichert haben. Aber gerade dies, das Gebrechliche, Imperfekte, nur fragmentarisch Erneuerte, macht ihre Aura aus. Jedes einzelne Fresko, auf dem mühsam die Figuren zu erkennen sind, jeder der Steine, auf denen sich Feuchtigkeit und Rauch, aber auch die Hammerschläge und Nageleinwölbungen von Hirten, Obdachsuchenden und Invasoren abzeichnen, der Putz, der über den Ziegeln über die Jahrhunderte hinweg schon abblättert, jede Kachel, die auf dem Boden fehlt, erzählt vom Leben, das vergangen ist, ohne zu Ende zu sein.

Nein, der Staat tue nicht viel für den Erhalt der Kirchen, und auch die Gemeinden hätten kaum Geld, meint Schwester

Mariani, die wir vor der Alawerdi-Kathedrale ansprechen. Ohne private Mäzene und die Arbeit der Freiwilligen wäre nicht einmal das Nötigste bewältigt worden. Die Nonne erzählt von den Fremden, die über die Jahrhunderte einfielen, von den Persern, die das Kloster als Garnison nutzten und den Gläubigen nur zu Festtagen erlaubten, in der Kirche zu beten, von den Sowjets, die in der Kathedrale Getreide lagerten oder Schweine mästeten. Wer schlimmer war? Die Perser hätten bloß mit Pfeil und Bogen gekämpft, die Sowjets hingegen auf die Gedanken und die Seelen der Menschen gezielt. Außerdem hätten die Perser auch etwas Schönes hinterlassen, fügt Schwester Mariani hinzu und zeigt auf einen Gartenpavillon, dessen Gitterwerk aus der goldenen Zeit der persischen Safawidendynastie stammt.

Navid Kermani

Kermani, 50, ist Autor, Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels und lebt in Köln. Bislang hat der SPIEGEL acht Teile seiner Reisereportage veröffentlicht. Vier weitere werden in den nächsten Wochen folgen. Seine Reise endet…

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Nr. 52/2017