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Verbrechen

Der fremde Sohn

Astrid S. erkannte ihren Sohn auf Fahndungsfotos, rief die Polizei und erfuhr: Er soll zwei Kinder getötet haben. Wie geht eine Mutter mit dem Grauen um?

GORDONWELTERS.COM / DER SPIEGEL
von
Antje Windmann
Lesezeit 17 Min
Verbrechen

Am Morgen des 29. Oktober 2015 hält sie ihre Angst nicht mehr aus. Sie greift zum Telefon und wählt die Nummer, die in einer Zeitung abgedruckt ist: 030/46 64 912 400.

Im Berliner Landeskriminalamt klingelt das Telefon der Soko Mohamed. Ein Kommissar hebt ab.

Astrid S. nennt ihren Namen. Die neuen Fahndungsfotos, sagt die 53-Jährige, sie habe Silvio darauf erkannt. "Der Mann auf den Bildern ist mein Sohn."

Eigentlich hätten sie gemeinsam zur Polizei gewollt, doch dann sei Silvio weggefahren. Beweise holen, hatte er gesagt. Und nun sei er schon eine Stunde weg.

Sie habe ihn noch gefragt, was jetzt mit dem Mohamed sei. "Er lebt nicht mehr", habe ihr Sohn nur geantwortet.

Die Frau habe einen sehr bedrückten, niedergeschlagenen Eindruck gemacht, notiert der Beamte später in seinem Bericht.

Das Telefonat dauert nur wenige Minuten. Astrid S. bricht danach weinend in ihrer Küche in Brandenburg zusammen. In Berlin wird eine bundesweite Fahndung nach dem 32-jährigen Wachmann Silvio S. ausgelöst.

Fast zeitgleich erreicht der erste Streifenwagen das Dorf Kaltenborn, parkt hinter der grau verputzten Doppelhaushälfte der Familie S. Kurz darauf fährt Silvio S. in seinem weißen Dacia Lodgy vor. Er wird festgenommen.

Im Kofferraum seines Wagens finden die Polizisten eine gelbe Plastikwanne mit Katzenstreu, darin liegt ein totes Kind in einem hellblauen, zu groß wirkenden T-Shirt.

Etwa zwei Stunden später läuft die erste Eilmeldung über die Nachrichtenticker: "Entführter Flüchtlingsjunge Mohamed: Kinderleiche gefunden." Nicht mal 24 Stunden später folgt: "Staatsanwaltschaft: Entführer Mohameds tötete auch Elias."

Für zwei Familien in Deutschland markieren diese Nachrichten das Ende und zugleich den Beginn eines Albtraums: Vorbei ist das unerträgliche Warten, die Ungewissheit, vorbei aber auch die Hoffnung, dass ihre vermissten Kinder noch lebend gefunden werden.

Der sechsjährige Elias war am 8. Juli in Potsdam spurlos verschwunden. Der Erstklässler hatte allein vor seinem Wohnhaus auf einem Spielplatz mit Stöcken gespielt.

Der vierjährige Mohamed war am 1. Oktober in Berlin entführt worden. Eine Überwachungskamera filmte einen Mann, der mit dem Flüchtlingskind an der Hand das Gelände des Lageso,…

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Nr. 51/2015