Lesezeit 8 Min
Wissen

Der freie Un-Wille

Seit Langem gilt der freie Wille vielen Gelehrten nur noch als Illusion. Nun aber zeigen Experimente Berliner Neurowissenschaftler: Das Bewusstsein ist imstande, unbewusst eingeleitete Handlungen zu stoppen.

HILMAR SCHMUNDT / DER SPIEGEL
von
Hilmar Schmundt
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Es ist ein Duell, wie es noch keines zuvor gegeben hat: Ein Autofahrer steht an einer Ampel, das Signal zeigt Grün. Was er nicht weiß: Die Ampel vermag seine Gedanken zu lesen – und versucht ihn auszutricksen. 

Immer dann, wenn der Fahrer Gas geben will, schaltet die Ampel blitzschnell auf Rot. So wird der Mensch zur Geisel seiner eigenen Gedanken. Kann es ihm dennoch gelingen, sein Gehirn zu überlisten, um wieder freie Fahrt zu bekommen? 

Die bizarre Szene klingt nach einem Science-Fiction-Film. Tatsächlich aber gleicht sie dem Versuchsaufbau eines realen Experiments, das Hirnforscher in Berlin durchgeführt haben. Und was John-Dylan Haynes, Leiter am Bernstein Center for Computational Neuroscience, mithilfe der zwölf Testpersonen dabei herausgefunden hat, ist höchst erstaunlich. 

Der Versuch läuft ab wie bei einem Computerspiel. Der Proband sitzt vor einem Bildschirm, auf dem ein grünes Licht leuchtet. Die Ampel signalisiert: freie Fahrt. Auf dem Boden vor ihm steht ein Fußschalter, ziemlich genau dort, wo sich im Auto das Gaspedal befindet. 

Mithilfe einer Elektrodenkappe, welche die Testperson auf dem Kopf trägt, werden ihre Hirnströme gemessen. Dadurch erkennt der Computer sofort, wenn der Proband sich aufs Gasgeben vorbereitet. Denn in diesem Fall entsteht in seinem Kopf ein verräterisches elektrisches Muster, wie Hirnforscher bereits vor einigen Jahren herausgefunden haben. Die Wissenschaftler sprechen von…

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Nr. 15/2016