Lesezeit 27 Min
Technik

Der Feind in meiner Hand

Das Smartphone soll unser Leben einfach und effizient machen. Viele jedoch, vor allem Kinder, macht es zu Abhängigen. Die Frage, was ein gesunder Umgang ist, wird zur erzieherischen Megaaufgabe. Einblicke in die täglichen Schlachten deutscher Familien.

RUSSLAN & XANDT FÜR DEN SPIEGEL
von
Uwe Buse
,
Fiona Ehlers
,
Özlem Gezer
,
Christine Luz
,
Dialika Neufeld
und
Martin Schlak
Lesezeit 27 Min
Technik

Der Streit wird ständig und überall ausgetragen, in ganz Deutschland, in fast jeder Familie, ganz egal ob Patchwork oder klassisch, ob eine Villa das Zuhause ist, ein Reihenhaus oder der Plattenbau. Der Streit wird überall geführt, in jedem Milieu, an immer gleicher Front.

Eltern auf der einen Seite, die Kinder auf der anderen, und zwischen ihnen steht, schmal, elegant, fast fugenlos, der Grund des ganzen Ärgers, das Smartphone, grandioser Helfer, trickreicher Verführer.

Erdacht als Werkzeug, um den Alltag zu vereinfachen, ist es heute vor allem ständige Versuchung, eine effektive Zeitvernichtungsmaschine, willkommener Pausenfüller, manchmal auch Suchtmittel, das den Benutzer degradiert, vom Herrn zum Knecht.

Daten-Flatrate ja oder nein, ist WhatsApp eher Segen oder Fluch? Von welchem Alter an sollen Kinder ein Handy haben, wann dürfen sie es benutzen, wann nicht? Sind handyfreie Zeiten sinnvoll? So lauten die Fragen, die unablässig verhandelt werden in Familien, Schulen, Universitäten und Betrieben. Die Debatte um das Handy, um den korrekten Umgang damit, um den Einfluss des Smartphones auf unseren Alltag verbindet die Gesellschaft, unabhängig von ihren Schichten, egal ob Kinder im Spiel sind oder nicht. Doch gerade derzeit, da im ganzen Land Ferien begonnen haben, da Eltern und Kinder vor der Herausforderung stehen, die lange Zeit vom Morgen bis zum Abend miteinander verbringen zu müssen, stellen sich diese Fragen mit erhöhter Dringlichkeit.

Das Handy, das ist die Invasion aus der Hosen- oder Handtasche, es okkupiert unseren Alltag, nagt an unserer Aufmerksamkeit, sein ständiges Klingeln, Piepsen und Vibrieren zertrümmert den Tag in immer neue Fragmente. Das Epizentrum der Erschütterung ist die Familie, das eigene Heim, hier wird am ausdauerndsten und wohl auch am verbissensten gekämpft um den Umgang mit diesem kleinen Wunderwerk der Kommunikationsindustrie.

Welche Probleme Familien mit dem Handy haben, welche Gefahren sie fürchten, ob sie Lösungen finden, wenn ja, welche Lösungen sie finden, das hat ein Team vom SPIEGEL interessiert, genauso wie die Frage, was Experten zum Thema sagen, wozu sie raten, wovor sie warnen. Ausgebreitet wird auf den folgenden Seiten ein Mosaik aus Protokollen, Interviews und Analysen, das Antworten auf solche Fragen liefern soll.

Die Reise beginnt in Unterfranken, in Aura an der Saale, hier lebt Alexandra Bolloch, 42 Jahre alt, Vertriebsreferentin bei der Lufthansa, zusammen mit ihrem Mann und zwei Kindern. Bolloch hat eine Tochter, neun Jahre, und einen Sohn, elf Jahre alt. Beide besitzen ein iPhone und ein Tablet, der Sohn auch einen Laptop.

"Meine Tochter hat vor einigen Wochen ein Smartphone bekommen, da gab es einen riesigen Streit. Sie ist neun und geht noch in die Grundschule. Sie wollte unbedingt Internet auf dem Handy haben. Sie sagte: Sonst kann ich der Leni in der Stadt keine WhatsApp-Nachrichten schicken.

Mein Mann hat gesagt: Auf keinen Fall. Er hasst diese Geräte. Sein Handy schaltet er meist aus, wenn er die Arbeit verlässt. Im Auto telefoniert er mit einem Nokia, das hat noch Tasten.

Wir haben gestritten, wegen eines blöden Smartphones. Meine Tochter hat geweint. Am Ende habe ich mich erbarmt. Sie hat nun einen Vertrag, mit 500 Megabyte Datenvolumen pro Monat. Mit Freundinnen hat sie eine WhatsApp-Gruppe gegründet, die heißt: ,We are bff '. ,bff', das steht für ,best friends forever'. Meist schreiben sie nur ein paar Worte: ,Hallo' oder ,Wie geht's?' oder ,Ich vermisse dich'. Sie versichern sich ständig, dass sie sich nicht vergessen haben, bestimmt 30-mal am Tag.

Der Deal mit meinen Kindern lautet: Sie bekommen ein iPhone, und ich darf alle ihre WhatsApp-…

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Nr. 32/2016