Lesezeit 12 Min
Gesellschaft

»Der Druck auf uns Journalisten, Dinge zu erklären, wächst«

John Micklethwait, Chefredakteur des US-Medienkonzerns Bloomberg, über seinen Glauben an eine neue Ära der Qualitätspresse, die Versäumnisse liberaler Medien und den Einsatz von Robotern im Journalismus

ANDREA ARTZ / DER SPIEGEL
von
Isabell Hülsen
und
Britta Sandberg
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Gesellschaft

Micklethwait, 56, ist seit Februar 2015 Chefredakteur von Bloomberg News. Er ist für 2700 Redakteure und alle journalistischen Produkte des US-Medienkonzerns verantwortlich. Dazu gehören neben der globalen Nachrichtenagentur auch ein TV-Sender und die Zeitschrift »Businessweek«. Michael Bloomberg, der spätere New Yorker Bürgermeister, gründete das Unternehmen 1981. Es macht den größten Teil seines Umsatzes von rund neun Milliarden Dollar mit einem breiten Datenangebot für Banken und Finanzdienstleister. Micklethwait war zuvor neun Jahre lang Chefredakteur des britischen »Economist«, der unter seiner Leitung eine globale Leserschaft gewann und eine Auflage von 1,6 Millionen erreichte. Der gebürtige Brite hat in Oxford studiert und bei der Bank Chase Manhattan gearbeitet, bevor er 1987 als Journalist zum »Economist« kam.

SPIEGEL: Herr Micklethwait, als Sie den »Economist« vor gut drei Jahren verließen, schrieben Sie: »Jeder moderne Chefredakteur, der nicht paranoid ist, ist dumm.« Wie paranoid sind Sie inzwischen?

Micklethwait: Ich glaube, meine Paranoia ist eher größer geworden, denn diesen Satz habe ich geschrieben, bevor Trump gewählt wurde und die Briten für den Brexit stimmten.

SPIEGEL: Wir dachten eigentlich, Ihre Ängste bezögen sich auf die Zukunft der Medienbranche: Alte Geschäftsmodelle funktionieren nicht mehr, das Misstrauen gegen etablierte Medien ist groß, und Fake News sind auf dem Vormarsch.

Micklethwait: Was unsere Branche angeht, bin ich ein paranoider…

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Nr. 35/2018