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Wirtschaft

Der China-Algorithmus

Die Regierung in Peking schirmt die heimischen Internetkonzerne vor ausländischer Konkurrenz ab. Doch das erklärt ihren steilen Aufstieg nur zum Teil.

GILLES SABRIÉ / DER SPIEGEL
von
Bernhard Zand
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Freitagabend, 20 Uhr, Primetime in Chinas Staatsfernsehen. Im ersten Programm beginnt eine große Unterhaltungsshow, die seit Monaten Millionen vor den Bildschirm lockt: "Ji zhi guo ren", wörtlich: "Maschinenweisheit gegen den Menschen".

Die Sendung ist eine Mischung aus "Wetten, dass..?" und einer Wissenschaftsshow: Vier Kandidaten, darunter ein Informatikprofessor, treten gegen die neueste Erfindung eines chinesischen Start-ups an. Meistens gewinnt die Maschine. So war es mit der Drohne, die sich ihre eigene Flugbahn suchte, mit dem Computer, der Gedichte schrieb, mit dem Basketball-Roboter, der aus allen Lagen so präzise Körbe warf, wie es keiner der Kandidaten schaffte.

Der Star dieses Abends aber ist Huang Yongzhen, 34, der ein Start-up namens Watrix führt, das sich auf eine spezielle Anwendung künstlicher Intelligenz konzentriert hat. Seine Software kann Menschen identifizieren – nicht anhand ihres Gesichts, ihrer Stimme oder ihres Fingerabdrucks. Sie erkennt sie allein an ihrem Gang, ihrer einzigartigen Weise, sich zu bewegen.

Zuerst ist nur das körnige Bild einer Überwachungskamera zu sehen: Ein Mann, den Kopf unter einer Mütze versteckt, huscht über einen Hinterhof. Dann kommt er mit sieben anderen, exakt gleich gekleideten Männern auf die Bühne, sie drehen eine Runde. Wer von den acht war es, der vorher über das Studiogelände lief?

Die Kandidaten versagen, Watrix identifiziert ihn sofort: Es war Kapuzenmann Nummer 7. Erwischt. Applaus.

Europäische Zuschauer mag es innerlich frösteln, wenn die Kamera den Identifizierten ins Visier nimmt. Doch das chinesische Publikum ist hingerissen. Was Science-Fiction-Filme wie "Mission Impossible" nur vorhersagen – Chinas Ingenieure können das heute schon: "Gait-Recognition", Gang-Erkennung, ein neues Überwachungsinstrument, das selbst aus 50 Meter Entfernung funktioniert und gegen das keine Vermummung hilft. Watrix arbeitet bereits mit den Sicherheitsbehörden zusammen. Als Erstes werden Chinas Atomkraftwerke mit seiner Software ausgestattet.

Die Zuversicht der Chinesen angesichts ihrer Digitalwirtschaft ist derzeit grenzenlos. Ob künstliche Intelligenz (KI), virtuelle…

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Nr. 7/2018