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Kultur

„Der Brexit hat Gift freigesetzt“

Für seine Bestseller lässt Thriller-Autor Robert Harris das alte Rom und Nazideutschland wiederauferstehen. Inzwischen aber beschleicht den Briten das Gefühl, den spannendsten Roman schreibt zurzeit die Realität.

HORST A. FRIEDRICHS / DER SPIEGEL
von
Peter Müller
und
Jörg Schindler
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SPIEGEL: Herr Harris, wenige Wochen nachdem ein Mann auf der Londoner Westminster-Brücke mutwillig vier Menschen getötet hat, sucht der Terror Großbritannien erneut heim. 22 zumeist junge Menschen starben, als sich ein Selbstmordattentäter bei einem Popkonzert in die Luft sprengte. Wie lange ertragen Ihre Landsleute den Terror noch so stoisch?

Harris: Derzeit ist die Stimmung gefasst, aber das kann sich ändern. Terror ist für uns nichts ganz Neues. Erinnern Sie sich an die IRA aus Irland, die über 20 Jahre lang gebombt und Zivilisten getötet hat – übrigens auch in Manchester. Trotzdem gab es in unserem Land nie einen weitverbreiteten Hass auf die Iren. Allerdings hat die IRA nicht gezielt Kinder und Jugendliche ins Visier genommen, das macht diesen Anschlag zu einem der schlimmsten.

SPIEGEL: Sie haben Thriller geschrieben, in denen Sie sich eine Welt nach dem Sieg Hitlers im Zweiten Weltkrieg vorstellten oder Rom zu Zeiten Ciceros. Können Sie sich in die Gedankenwelt eines Selbstmordattentäters hineinversetzen?

Harris: In seinem Buch "Der Geheimagent" beschrieb Joseph Conrad 1907 einen Selbstmordattentäter als "gebrechlich, unbedeutend, heruntergekommen und elend". Ich finde, besser kann man es nicht skizzieren.

SPIEGEL: Der Attentäter war ein 22-jähriger Brite mit libyschen Wurzeln. Fühlen sich viele Briten nun in ihrer Ablehnung von Migration und ihrer Entscheidung für den Brexit bestätigt?

Harris: Diese…

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Nr. 22/2017