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Fernweh

Der Bergprediger

Werner Bätzing, Doyen der Alpenforschung, hat sein Leben der Rettung dieser einzigartigen Kulturlandschaft verschrieben. Wie schlimm steht es wirklich um die Gipfelwelt? Eine Wanderung.

HILMAR SCHMUNDT / DER SPIEGEL
von
Hilmar Schmundt
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Fernweh

Hingekauerte Holzhäuser am Steilhang, weidende Kühe, blaue Gipfel und der würzige Duft von frisch gemähtem Gras – welch Idyll hier im Mairatal, zwei Stunden südwestlich von Turin. Schöne Alpen! Heile Welt!

"Unsinn, was Sie hier sehen, ist keine Bambi-Romantik, sondern Zeichen einer tiefen Krise", schimpft Werner Bätzing. Der weißbärtige Mann holt weit aus mit seinen Armen, umschreibt das Tal, die Gipfel. "Dies ist der schwärzeste Teil der Alpen, hier in den Westalpen zerbröselt seit 150 Jahren die gesamte Wirtschaft. Und die Kultur gleich mit."

Kein Wunder. Die Leute wandern ab. Sie scheuen das harte Leben des Bergbauern; die Arbeitstage sind lang, der Winter ist es auch. Wer kann, sucht sich einen bequemeren Job im Tal.

Bätzing ist eine Autorität, einer der kundigsten Geografen dieses Gebirges: Kollegen nennen ihn "Alpen-Papst". Sie meinen es halb anerkennend, halb spöttisch, denn er ist nicht nur Forscher, sondern auch ein Aktivist, ein eigensinniger Kämpfer für den Erhalt der Alpen, wie wir sie kennen.

Ab 13. Oktober tagt wieder einmal die Alpenkonferenz, bei der sich alle zwei Jahre Minister aus acht Alpenstaaten darauf einigen, wie sie die Bergwelt schützen wollen. Dieses Jahr findet sie unter dem Vorsitz von Bundesumweltministerin Barbara Hendricks auf der Herreninsel im Chiemsee statt.

Doch Bätzing ist das Ministertreffen viel zu abgehoben: "Konflikte oder Widersprüche werden dabei in der Regel vertagt", sagt er. Er…

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Nr. 41/2016