Lesezeit 7 Min
Politik

Der Anti-Tsipras

Der Bürgermeister von Thessaloniki ist beliebt, hat seine Stadt modernisiert, kämpft für Europa – und gehört zu den wenigen glaubwürdigen Politikern des Landes.

ARIS / DER SPIEGEL
von
Julia Amalia Heyer
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Politik

An der Pinnwand in seinem Büro, das die Ausmaße eines mittelgroßen Schiffsdecks hat, hängt ein Blatt Papier. Leicht vergilbt, aber trotzdem gut lesbar steht darauf: "We're going to believe in honest things again", wir werden wieder an ehrliche Dinge glauben.

Giannis Boutaris, Bürgermeister von Thessaloniki, hat diesen Wunsch zu seinem Leitsatz gemacht. Seit seinem Amtsantritt hängt er dort; neben der Fensterfront, hinter der, friedlich und blau, der Thermaische Golf schimmert. Daneben hängen Bilder seiner Kinder, seiner Enkel, seiner verstorbenen Frau. Und Spider-Man, der Superheld. Es ist kein Zufall, dass der Satz im Futur steht, denn noch ist es nicht so weit. Im Augenblick scheinen die Griechen vor allem an einen zu glauben, an Premier Alexis Tsipras. Und ob der es ehrlich meint mit den Dingen, die er verspricht, lässt sich schwer beantworten.

Boutaris ist ein schmaler, drahtiger Mann mit goldener Nickelbrille und weißem Igelhaar. Er ist 73 Jahre alt, trägt nachtblaue Converse-Turnschuhe zur Cargohose und ein Streifenhemd. Nichts daran wirkt seltsam; es ist nicht die Garderobe, die Boutaris zu einer außergewöhnlichen Erscheinung macht. Es ist seine Art zu sagen, was er denkt. Doppelzüngigkeit ist ihm fremd.

An diesem Julinachmittag dreht Boutaris das Radio auf, lässt sich in einen Sessel fallen und greift nach einer filterlosen Camel: "Wenn Alexis Tsipras es jetzt noch schafft, sich mit den Gläubigern zu einigen, ist er ein Zauberer."…

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Nr. 29/2015