Lesezeit 31 Min
Verbrechen

Den Mördern auf der Spur

Wenn ein Mord nicht aufgeklärt wird, leiden die Angehörigen ihr Leben lang. Ermittlerteams kämpfen darum, Fälle auch nach Jahrzehnten zu lösen und den Familien der Opfer ein bisschen Gerechtigkeit zu geben.

ROBIN HINSCH / DER SPIEGEL
von
Jan Friedmann
und
Annette Großbongardt
Lesezeit 31 Min
Verbrechen

Im Sommer 1989, dem Jahr, in dem Deutschland neu geboren wird, stirbt in Lüneburg die Fotografin Birgit Meier, 41. Ihr Mörder hinterlässt keine Spuren, nicht einmal ihre Leiche wird gefunden.

Die Tochter, die am Morgen als Erste das Haus betritt, findet nur eine offene Balkontür, verwirrte Katzen, einen Wecker, der auf kurz nach sieben Uhr gestellt ist, auf dem Bett die Umhängetasche der Mutter, auf dem Boden eine Metallkassette mit ein paar Fotos und Zigarettenasche.

Am Abend zuvor hatten die beiden noch telefoniert, gegen halb elf. Ich bin schon im Nachthemd, hatte die Mutter gesagt, ich leg mich gleich schlafen. Am nächsten Morgen ging sie nicht mehr ans Telefon.

Mehr als 27 Jahre wird es dauern, bis die Polizei endlich herausfindet, wer sie getötet hat. Fast drei Jahrzehnte, in denen die Deutschen wiedervereinigt werden, nach Helmut Kohl zuerst Gerhard Schröder Kanzler wird und schließlich Angela Merkel. Die D-Mark wird abgeschafft und der Euro eingeführt, statt Briefe schreiben sich die Menschen nun E-Mails und SMS.

Fast drei Jahrzehnte, in denen eine Tochter verzweifelt, ein Ehemann zu Unrecht beschuldigt wird, der wahre Mörder sich das Leben nimmt, eine Mutter zerbricht und ein Bruder, selbst Polizist, fast den Glauben an seine Zunft verliert.

Und von Birgit Meier nichts, nur ihr Personalausweis, den ein Postbeamter zwei Wochen nach ihrem Verschwinden aus einem Stapel Briefe im Hamburger Hauptpostamt fischt.

Lange war der Fall der plötzlich verschwundenen Unternehmergattin aus Lüneburg ein sogenannter Cold Case, ein ungeklärtes Verbrechen, zu dem die Ermittlungen eingestellt waren. Eines von Tausenden ungelösten Tötungsdelikten, deren Akten bundesweit in den Archiven vergilben. In dicken Ordnern voller grausamer Details, mit Bildern blutverschmierter Leichen und dem Vermerk der Staatsanwaltschaft: »Ein Täter konnte nicht ermittelt werden.«

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Tatort Göhrde-Forst

Die allermeisten Mordfälle werden aufgeklärt, 2017 waren es 95,5 Prozent nach der Polizeistatistik. Doch jeder ungeklärte Mord ist ein Verbrechen, das niemals endet – weil es die Angehörigen endlos verfolgt. Wer hat das getan? Warum? Wie lange musste die Mutter, die Schwester, der Partner leiden? Die Qual der offenen Fragen stürze die Angehörigen in ein »psychisches Chaos«, sagt Kristina Erichsen-Kruse von der Opferschutzorganisation Weißer Ring, »die ungelöste Tat begleitet sie jeden einzelnen Tag, bis ans Ende ihres Lebens«.

Der Polizeibegriff Cold Cases, »kalte Fälle«, meint jene Taten, in denen jede Spur erkaltet und nirgendwo mehr hinzuführen scheint. In den Vereinigten Staaten entstanden schon in den Achtzigerjahren die ersten Spezialeinheiten für diese ungelösten Kapitalverbrechen. In Europa gibt es Vergleichbares in den Niederlanden, wo in jeder der zehn Polizeiregionen eine Cold-Case-Einheit mit bis zu 20 Beamten arbeitet. »Wir tun das für die Angehörigen«, sagt Aart Garssen, 52, Chef dieser Einheiten, »und schaffen öffentliches Vertrauen in die Polizei.«

Auch in Deutschland haben Ermittler die Bedeutung der Cold Cases verstanden. Sie sehen inzwischen, wie wichtig es ist, auch nach 20, 30 Jahren alles dafür zu tun, ein Verbrechen doch noch aufzuklären. Das gibt den Angehörigen die Hoffnung auf späte Gerechtigkeit, entlastet die falsch Verdächtigten und zeigt dem Täter: Du kommst nicht davon.

»Wir können nicht zufrieden sein, solange ein Mordfall ungelöst bleibt«, sagt Frank-Martin Heise, Chef des Landeskriminalamts (LKA), der Ende 2016 in Hamburg die erste Cold-Case-Einheit gründete. Mord verjährt nicht, ein Rechtsstaat darf es nicht hinnehmen, ein solches Verbrechen ungesühnt zu lassen. »Auch die Angehörigen haben einen Anspruch auf effektive Strafverfolgung«, sagt Heise.

Viele alte Verbrechen konnten in den vergangenen Jahren mithilfe neuer Kriminaltechnik aufgeklärt werden. Nun geht es darum, Cold-Case-Ermittlungen fest in die Polizeiarbeit zu integrieren.

In Düsseldorf baut das LKA eine spezielle Datenbank mit 900 alten Fällen auf. Das LKA Wiesbaden entwickelt Empfehlungen dafür, wie Cold Cases neu aufgerollt werden können. In einem Pilotprojekt hat…

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Nr. 22/2018