Lesezeit 36 Min
Politik

Das Zerwürfnis

Der Wahlerfolg der AfD hat die Republik erschüttert, er ist das Resultat einer großen Entfremdung. Ein wachsender Teil des Volkes hat für die Eliten des Landes nur noch Verachtung übrig. Der Zorn richtet sich vor allem gegen Kanzlerin Angela Merkel.

DER SPIEGEL
von
Melanie Amann
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Matthias Bartsch
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Sven Becker
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Markus Feldenkirchen
,
Jan Fleischhauer
,
Ralf Neukirch
,
René Pfister
,
Josef Saller
und
Katja Thimm
Lesezeit 36 Min
Politik

Warum wählt jemand die AfD? Frage an Harald Schäfer, katholisches Elternhaus, Wirtschaftsstudium, Betreiber eines Hotels in Mannheim. Schäfer ist das, was man einen gestandenen Mann nennt. Früher hätte man ihn zu den Honoratioren seiner Stadt gezählt. Vom Zeitpunkt seiner Volljährigkeit an hat Schäfer immer CDU gewählt, was zuletzt auch bedeutete: immer Angela Merkel.

Vergangenen Sonntag aber hat er sein Kreuz nicht bei Merkels Partei gemacht, sondern bei den Leuten, die auf den Marktplätzen "Merkel muss weg" und "Ihr da oben belügt uns doch alle" rufen. Deren Anführer davon sprechen, dass man notfalls schießen müsse, um Flüchtlinge an der Grenze aufzuhalten. Die darüber nachdenken, ob Afrikaner genetisch bedingt ein anderes Reproduktionsverhalten hätten, und die der Kanzlerin empfehlen, die Flucht nach Chile anzutreten, bevor sie der Volkszorn aus dem Kanzleramt treibe.

Schäfer möchte nicht auf Flüchtlinge schießen, mit den Krakeelern hat er nicht viel im Sinn. Nächstenliebe sei ihm wichtig, sagt der Hotelier. Er geht jeden Sonntag in die Kirche und hat sogar eine Ketten-Mail versandt, in der er zur Solidarität mit den Menschen in Syrien aufrief.

Was also ist passiert?

"Das ist kein Hexenwerk", sagt Schäfer. "Ich habe festgestellt, dass sich die CDU immer mehr dem linken Mainstream angepasst hat." Dann zählt er auf, was die CDU in den vergangenen Jahren alles falsch gemacht habe: Atomausstieg. Mindestlohn. Homoehe. Mit jeder Reform entfernte sich Schäfer ein Stück mehr von seiner Kanzlerin, bis das dünn gewordene Band in der Flüchtlingskrise riss.

Schäfer und die 1,3 Millionen Wähler der Alternative für Deutschland haben am vergangenen Sonntag die Republik erschüttert. Fast aus dem Stand zog die AfD in drei Landesparlamente ein, darunter zwei, die zu den Stamm- und Geburtsländern der Bundesrepublik gehören. 13 Prozent in Rheinland-Pfalz, 15 in Baden-Württemberg, 24 in Sachsen-Anhalt. Dazu 15 Direktmandate in Sachsen-Anhalt und 2 in Baden-Württemberg. Das war noch keiner neuen Partei in Deutschland gelungen, selbst den Grünen nicht, die in den Achtzigerjahren für die erste große Verschiebung im deutschen Parteiensystem gesorgt hatten. Die AfD hat nicht ein paar Stühlchen in diesem System ergattert. Sie hat ganze Bänke belegt. Und sie hat die Tür in ein neues politisches Zeitalter in Deutschland geöffnet.

Es gibt viele Erklärungen für den Erfolg der AfD. Was sich aber im Kern hinter ihm verbirgt, ist die Geschichte eines Zerwürfnisses. Sie handelt von der Entfremdung zwischen der Bundeskanzlerin und einem Teil ihres Volkes. Der Triumph der AfD ist nicht weniger als ein Aufstand gegen Angela Merkel.

Er richtet sich gegen eine CDU-Vorsitzende, die ihre Partei immer weiter nach links geführt und viele Konservative zu Heimatlosen gemacht hat. Er richtet sich gegen eine Bundeskanzlerin, deren Flüchtlingspolitik der offenen Grenzen viele eher linksorientierte Deutsche schätzen, die viele eher konservative Deutsche aber als selbstherrlich empfinden. Der Hotelier Harald Schäfer etwa findet es naiv zu glauben, dass sich so viele muslimische Flüchtlinge in die deutsche Gesellschaft integrieren ließen. "Wir gefährden unsere Freiheit, wenn wir zu viele Leute reinholen, die diese Freiheit gar nicht wollen."

Vor allem aber richtet sich dieser Aufstand gegen die Kanzlerin als Symbol für jene Eliten im Lande, die angeblich den Kontakt zu den Menschen und für deren Sorgen verloren haben. Für viele Bürger ist ihre Kanzlerin zur Personifizierung einer "herrschenden Klasse" geworden, die neben den Christdemokraten nicht nur Grüne und Sozialdemokraten mit einschließt, sondern auch die Spitzen von Wirtschaft, Gewerkschaft und Medien. Unter "die da oben" fällt inzwischen jeder, der mehr kann, mehr besitzt oder mehr zu sagen hat.

Der Kampf gegen die Eliten ist der Kern des AfD-Gefühls, das mehr auf einer Stimmung denn auf einer Weltanschauung beruht. In einer Umfrage von TNS Forschung im Auftrag des SPIEGEL stimmten 88 Prozent der AfD-Anhänger der Aussage zu: "Die da oben in der Politik machen sowieso, was sie wollen, meine Meinung zählt da nicht." Unter den Anhängern der anderen Parteien ist dieses Gefühl weitaus weniger verbreitet.

Als Chefin einer Großen Koalition, die seit Jahren versucht, sämtliche politischen Positionen in ihrer Partei zu vereinen, steht Angela Merkel wie keine Zweite für "die da oben". Bei den Veranstaltungen der AfD werden Plakate hochgehalten, auf denen der Kanzlerin Vampirzähne aus dem Mund wachsen. Wenn von den feigen Gestalten die Rede ist, mit denen das Volk bald abrechnen werde, dann ist immer Merkel gemeint, die "Volksverräterin", wie es in der AfD heißt.

Im AfD-Milieu wird Merkel auch gern als "IM Erika" bezeichnet, die in der DDR angeblich ihre Mitbürger ausspioniert habe. Das ist eine Erfindung; es gibt keine Niedertracht, die man Merkel nicht zutraut. Sie ist…

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Nr. 12/2016