Lesezeit 17 Min
Kultur

»Das wahre Drama bleibt fast immer unerzählt«

Der Schriftsteller Bodo Kirchhoff über seine eigene Missbrauchsgeschichte und die Probleme der #MeToo-Debatte

CESARE CICARDINI / DER SPIEGEL
von
Tobias Becker
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Jeder in diesem Buch raucht, jeder seine eigene markante Marke: Roth-Händle, Reval, Pall Mall, Ernte 23, Gauloises(*). Als läge ein Zigarettendunst über den Geschehnissen, an die Bodo Kirchhoff, 69, sich erinnert. Das Bild der Erinnerung ist gelbstichig. Doch es geht um ganz reale Ungeheuerlichkeiten, um sexuelle Übergriffe in der Jugend Kirchhoffs in den Fünfziger- und Sechzigerjahren.

SPIEGEL: Herr Kirchhoff, Sie nennen Ihr Buch im Untertitel »Roman der frühen Jahre«. Dort könnte auch Autobiografie stehen.

Kirchhoff: Nein! Wer wie ich aus der Erinnerung erzählt, hat sofort einen Fuß im proustschen Kosmos. Das Buch ist zwar eine Recherche, aber die Recherche geht über den engen Horizont des Faktischen hinaus. Jedes Erinnern geht darüber hinaus, jedes echte Erzählen. Alles andere ist Aufzählen, ein Aneinanderreihen von Fakten, wie es vor Gericht Bestand hätte, nicht aber in der Literatur.

SPIEGEL: Wir müssen genau das zum Verständnis nun leider trotzdem kurz machen: einmal aufzählen, worüber wir sprechen, ganz konkret. Wie alt waren Sie, als das geschah, was geschehen ist?

Kirchhoff: Knapp elf.

SPIEGEL: Und der Mann, mit dem es geschah?

Kirchhoff: War im damaligen Alter meiner Mutter, 34.

SPIEGEL: Sie schildern ihn als Mann mit wehendem Haar und vollen Lippen, mit gebräunten Armen und dunkler, melodischer Stimme, ein VW-Cabrio-Fahrer und Fliegerjackenträger, ein Roth-Händle-Raucher mit Zigarette lässig im Mund. Wieso?

Kirchhoff: Weil er all das war.

SPIEGEL: Ein verwegen attraktiver Mann.

Kirchhoff: Er erinnerte an den Winnetou auf den Karl-May-Bänden. Seine Fächer waren Musik, Religion und Sport an der Evangelischen Internatsschule Schloss Gaienhofen am Bodensee. Er war dort Kantor.

SPIEGEL: Als er Sie das erste Mal küsste, erwiderten Sie den Kuss.

Kirchhoff: Ich habe einfach reagiert. Auch um nicht unhöflich zu sein.

SPIEGEL: Sie haben sich geschämt.

Kirchhoff: Ja, als mein Körper anfing, seine eigenen Wege zu gehen. Ich war ebenso verstört wie betört, ich hatte…

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Nr. 26/2018