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Politik

Das System Putin

Am 18. März sind Wahlen, der neue Präsident wird der alte sein, das steht jetzt schon fest. Vor fast zwei Jahrzehnten kam Wladimir Putin zum ersten Mal in dieses Amt. Seither hat er das Land verändert und sich untertan gemacht.

DENIS SINYAKOV / DER SPIEGEL
von
Christian Esch
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Politik

Wie sähe Russland wohl aus, wenn nicht Wladimir Putin an seiner Spitze stünde, sondern ein anderer Präsident? Ein Video, das in Russlands sozialen Netzen kursiert, hat darauf vor Kurzem eine Antwort gegeben. Es ist ein Werbeclip, der die Menschen zur Teilnahme an der Präsidentschaftswahl am 18. März ermuntern soll.

Man sieht darin einen Mann, der am Vorabend der Wahl ins Bett steigt und seiner Frau sagt, er werde nicht wählen. Als er aufwacht, hat sich Russland von Grund auf verändert. An der Tür steht ein schwarzer Soldat, Teil einer Armeepatrouille, die den Mann zum Wehrdienst einziehen will. Der Sohn trägt ein Pionierhalstuch wie zu Sowjetzeiten. Und in der Küche sitzt ein Schwuler, der der Familie vom Staat zur Unterbringung zugewiesen wurde.

Natürlich ist das Ganze ein Albtraum, aus dem der Held rechtzeitig erwacht, um doch noch zur Wahlurne zu eilen. Er hat verstanden, dass Russland gefährlichen Kräften in die Hände fällt, wenn er nicht handelt.

18 Jahre ist es her, dass Wladimir Putin zum ersten Mal ins Präsidentenamt gewählt wurde. Aber von allen Wahlen, zu denen er angetreten ist, ist die am 18. März vielleicht die absurdeste, das Video macht dies deutlich. Es unterstellt, es handle sich diesmal um eine Schicksalswahl, und persifliert sich zugleich selbst. Ein Russland ohne Putin, so sehen es die Regisseure, ist nur als Witz denkbar, mit Schwarzen an der Tür und Schwulen am Küchentisch. Die Wähler sind aufgerufen, etwas zu verhindern, was gar nicht sein kann.

Wie anders wirkt im Rückblick die Wahl vor sechs Jahren! Eine Protestwelle war damals durch Moskau und Petersburg gerollt. "Putin ist ein Dieb!", hatten sie auf Großkundgebungen skandiert.

Heute ist Putin nicht mehr wegzudenken. Er ist in 18 Jahren mit seinem Land zusammengewachsen, er ist den Russen so allgegenwärtig und selbstverständlich wie Russlands Trikolore. Eine Wahl erübrigt sich im Grunde. Er selbst sieht es nicht anders. Auf einen Wahlkampf hat er bislang verzichtet. Und als müsste er beweisen, dass er Amt und Person nicht mehr trennen kann, hat er sein Wahlprogramm ausgerechnet vor den beiden Kammern des Parlaments verkündet, bei der Jahresbotschaft des Präsidenten am Donnerstag.

Der ewige Präsident

1999
Russlands Präsident Boris Jelzin ernennt Wladimir Putin zum Ministerpräsidenten. Ende des Jahres übernimmt Putin die Amtsgeschäfte.

2000
Putin wird erstmals zum Präsidenten gewählt.

2004
Er wird für eine weitere Amtszeit als Präsident bestätigt.

2008…

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Nr. 10/2018