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Verbrechen

Das schwarze Wochenende

Erst Jahre später hat Frank Brinkers erfahren, dass sein Vater wohl keines natürlichen Todes starb, sondern von Niels Högel ermordet wurde. Über hundert Angehörigen von Opfern erging es ähnlich. Sie treten als Nebenkläger im Mammutprozess gegen den Todespfleger auf.

JOANNA NOTTEBROCK / DER SPIEGEL
von
Hubert Gude
,
Veronika Hackenbroch
und
Julia Jüttner
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Verbrechen

Frank Brinkers war unruhig. Immer wieder wählte er die Nummer der Intensivstation und erkundigte sich nach seinem Vater. Der Patient sei noch im Aufwachraum, teilte ihm eine Schwester mit. Genaueres wisse sie nicht. Nach einem Herzinfarkt hatte ein Hubschrauber den 63-jährigen Bernhard Brinkers aus einem Krankenhaus im emsländischen Lingen nach Oldenburg geflogen, in die beste Klinik der Gegend. Im Herz hatten sich Blutgerinnsel gebildet, die operativ entfernt werden mussten. Für die Behandlung war die herzchirurgische Intensivstation 211 der richtige Ort. Eigentlich.

Gegen 22 Uhr klingelte endlich das Telefon, ein Arzt war am Apparat. Die Operation sei gut verlaufen, das Herz des Vaters habe alles verkraftet, sagte der Anrufer. Doch dann sei es zu Komplikationen gekommen. Völlig unerwartet. Herzstillstand. Zweimal habe man den Vater reanimiert, leider vergebens. »Wir können uns nicht erklären, wie das passiert ist.« Ein Satz, den der 43-jährige Schlosser aus Lingen nie vergessen wird.

Noch in der Nacht, im Spätsommer 2001, fuhr er mit seiner Mutter die hundert Kilometer nach Oldenburg, um sich von seinem Vater zu verabschieden. Ein Pfleger begleitete sie zu einem kleinen Raum, in den sie das Bett mit dem Leichnam geschoben hatten. Brinkers erinnert sich: »Er lag so friedlich da, als sei er gerade eingeschlafen.«

Frank Brinkers ist ein großer Mann mit Brille und blauen Augen. Einer, der lange überlegt, bevor er antwortet. Nun sitzt er bei seiner Lingener Anwältin Sabrina Lindwehr und ringt um Fassung. »Auf einmal kam alles wieder hoch«, sagt Brinkers, »und dann war da diese unglaubliche Wut.«

15 Jahre lang hatte er geglaubt, die Städtischen Kliniken von Oldenburg…

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Nr. 38/2018