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Politik

Das Rätsel von Aleppo

Um für sich selbst sorgen zu können, brauchen Flüchtlinge einen Job. Aber wie können sie einen finden? Einblicke in die Welt der Arbeitsvermittler.

CARSTEN KOALL / DER SPIEGEL
von
Cornelia Schmergal
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Politik

An diesem Morgen muss Ines Harbauer ein Rätsel lösen. Vor ihr sitzt ein gepflegte Herr in Strickjacke, den Rücken aufrecht, die grauen Haare aus dem Gesicht gekämmt, auf dem Schoß eine Tasche aus Plastik. Daraus hervorgezogen hat er ein Wörterbuch, seine Aufenthaltsgestattung und einen Stapel Papiere. Nur das Abiturzeugnis fehlt.

„Nass geworden, auf der Flucht“, sagt die Dolmetscherin, und der Herr auf dem Stuhl zieht entschuldigend die Schultern hoch.

Seine Muttersprache ist Arabisch, auch sein Englisch klingt nach Arabisch, und die wenigen Worte Deutsch, die er beherrscht, hat er sich mit dem Smartphone beigebracht. Was er denn schon gelernt habe, fragt Ines Harbauer.

„Guten Tag“, antwortet der Mann. Und: „Bayern München.“

Es ist ein Zufall, dass er heute im Büro einer Jobvermittlerin der Berliner Arbeitsagentur gelandet ist. Eigentlich war der Mann aus Syrien nur deshalb in das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) gekommen, weil er seinen Asylantrag stellen wollte. Dabei hörte er zum ersten Mal davon, dass es in Deutschland nicht nur Beamte gibt, die darüber entscheiden, ob er im Land bleiben darf. Sondern auch Beamte, die ihm helfen könnten, einen Job zu finden, und zwar so schnell wie möglich. Und dass eine dieser Vermittlerinnen von der Arbeitsagentur Ines Harbauer heißt und nur eine Etage höher wartet.

Nun sitzt er ihr gegenüber, vor sich ein Blatt Papier. „Fragebogen zur Kompetenzerhebung von Asylbewerbern“ steht darauf.

Es geht darum herauszufinden, welche Erfahrungen und Kenntnisse die Menschen aus Syrien, dem Irak oder Eritrea mitbringen. Für die Flüchtlinge ist das eine ungewohnte Situation. Ines Harbauer ist die Erste, die nicht fragt, warum die Menschen gegangen, sondern warum sie gekommen sind. Was sie können. Und vor…

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Nr. 48/2015