Lesezeit 13 Min
Politik

Das Phantom der Revolution

Der Arabische Frühling begann vor fünf Jahren damit, dass sich zwei Männer in Brand steckten. Einer der beiden hat überlebt. Und sagt, er wäre heute lieber tot.

CLEMENS HOEGES / DER SPIEGEL
von
Clemens Höges
Lesezeit 13 Min
Politik

Hosni Kaliya zieht mit dem Mund eine Zigarette aus der Schachtel. Als er sich mit Benzin übergoss und anzündete, fraß das Feuer seine rechte Hand. Jetzt ist da nur noch ein Klumpen ohne Finger. Und an der linken Hand hat er zwar vier Finger, aber sie stehen ab wie Klauen, verbrannt, steif und gekrümmt. Die Fingernägel kräuseln sich. Die Hände stecken in schwarzen Wollhandschuhen, die Spitzen abgeschnitten, damit sie nicht leer herumbaumeln. Eine Strickmütze schützt Kaliyas kahl gebrannten Schädel und seine seltsam kleinen Ohren. Aber das entstellte Gesicht, dieses Werk der Ärzte aus alter und neuer Haut, wie sollte er das verstecken?

Schlaf findet Hosni Kaliya nur mit Medikamenten. Fällt ihm der Kopf dann nach hinten, kann die Haut am Hals ihn erwürgen, weil sie sich zu eng über den Kehlkopf spannt. Er sollte auch nicht rauchen, denn die Flammen und der Qualm haben Lunge und Luftröhre schwer geschädigt. Aber er raucht trotzdem, als wollte er zerstören, was aus ihm geworden ist: diese Gestalt, vor der Kinder sich fürchten. Diesen Gefangenen seiner selbst. "Ich wünschte, ich könnte sterben", sagt Hosni Kaliya.

Alles brenne, innen und außen. Alles schmerze, der Körper und die Seele, weil er sich die Schuld gebe: am Ruin seiner Familie, am Tod seines Bruders und mehrerer Freunde und, ja, auch ein wenig am Arabischen Frühling, an diesem Aufstand, der vor fünf Jahren in Tunesien begann und der inzwischen zur Tragödie wurde. Es waren zwei Männer, die ihn auslösten. An einen erinnert sich die Welt, es war der Obstverkäufer Mohamed Bouazizi. Der andere war Hosni Kaliya.

Aus den Verzweiflungstaten wurde ein politischer Wirbelsturm. Er fegte Afrikas Mittelmeerküste entlang und hoch bis zur türkischen Grenze. Diktatoren stürzten, neue Herrscher stiegen auf, Islamisten…

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Nr. 3/2016