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Gesellschaft

Das PC-Monster

Kaum ein Reizwort spaltet die USA so sehr wie Political Correctness. Was zu mehr Freiheit führen sollte, führt heute oft zu mehr Unfreiheit – und hat die Rechte stark gemacht.

WINNI WINTERMEYER / DER SPIEGEL
von
Philipp Oehmke
Lesezeit 20 Min
Gesellschaft

Es ist ein Freitagnachmittag in Oberlin in Ohio, einen knappen Monat bevor das Land Donald Trump zu seinem Präsidenten wählen wird. Die letzten Seminare, Kurse und Vorlesungen der Woche sind soeben zu Ende gegangen, eine junge Frau kommt barfuß angelaufen, ein Hula-Hoop-Reifen kreist um ihre Taille, andere führen eine Art rhythmischen Tanz auf, dazu läuft afrikanische Musik, zwei schwarze Studenten rappen.

Die Szene könnte auch an einem Strand voller Rucksacktouristen spielen, doch dies hier ist eine der teuersten Hochschulen des Landes.

Viele Studentinnen haben grün oder blau gefärbte Haare, sie tragen Piercings, und ihr Kleidungsvorbild scheint die "Girls"-Erfinderin Lena Dunham zu sein, der Star, der auch hier studiert hat.

Dass das Land ein paar Wochen später Donald Trump wählen könnte, scheint hier undenkbar. Dabei ist dieses Land nur wenige Meilen entfernt. Oberlin liegt in Ohio, einem der Swingstates, die Trumps Wahlsieg ermöglicht haben. Fährt man die College Road nur fünf Minuten stadtauswärts, steckt im Rasen eines jeden Vorgartens ein blaues Schild mit der Aufschrift "Trump Pence 2016".

Es sind Orte wie Oberlin, in denen jene linksliberale Elite herangezüchtet wird, von der Trump-Leute im Wahlkampf mit so verächtlichen Worten gesprochen haben.

Als ein paar Monate zuvor in Oberlin und an anderen liberalen Universitäten irgendjemand mit Kreide "Trump 2016" an Häuserwände und auf Bürgersteige geschrieben hatte, erlitten einige Studenten dadurch nach eigenen Angaben ein Trauma. An manchen Universitäten kam es zu Demonstrationen. Die Studenten forderten "safe spaces", geschützte Räume, in die die Zumutung des Namens dieses "faschistischen, rassistischen Kandidaten" nicht eindringe.

Überhaupt: "safe spaces". In den Monaten vor der Wahl ist dieser Begriff einer der meistdiskutierten in Oberlin. Das Konzept kommt ursprünglich aus dem Feminismus und beschreibt einen physisch wie intellektuell geschützten Raum, der einen vor potenziell beleidigenden, verletzenden oder gar traumatisierenden Gedanken oder Äußerungen und somit, wenn man so will, vor der Welt beschützt. Als im vergangenen Jahr die konservative Philosophin und Feminismuskritikerin Christina Hoff Sommers in Oberlin einen Gastvortrag halten sollte, war ein Teil der Studenten nicht einverstanden, Sommers' Ansichten zum Feminismus stellten "micro aggressions" dar.

Als Sommers trotzdem auftrat, richteten einige Oberlin-Studenten währenddessen einen "safe space" ein, in dem, wie ein Professor berichtete, zur Beruhigung und Traumapflege "New-Age-Musik lief, man sich massieren und von Stofftieren trösten" lassen konnte.

"Micro aggressions" sind die begrifflichen Geschwister der "safe spaces", kleine, von den Opfern als…

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Nr. 49/2016