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Kultur

Das Nutella-Kalifat

Die deutsche Aussteigerin Maryam A. berichtet über ihr bizarres Leben bei der Terrormiliz in Syrien. Ein Vorabdruck aus dem Buch von Christoph Reuter.

SIMON PRADES / DER SPIEGEL
von
Christoph Reuter
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Kultur

Am Anfang stand die Frage: Geht das überhaupt? Kann man einer Person, die zwei Jahre lang beim "Islamischen Staat" in Syrien war, den Raum geben, ihre Geschichte zu erzählen? Würde jemand, der freiwillig zu dieser Terrororganisation gegangen ist, nicht sich selbst von Schuld freischreiben oder den IS in ein milderes Licht rücken wollen?

Vieles würde sich überprüfen lassen, aber nicht alles. Was das Vorhaben erleichterte, war der Umstand, dass es um eine Frau ging: Zwar wurden auch Frauen Teil des Unterdrückungsapparats. Aber die meisten waren: Hausfrauen im Kalifat, sollten Kinder kriegen und ihrem Gatten ein wohliges Heim bieten. Wie auch Maryam A., so ihr Pseudonym, eine konvertierte Deutsche aus Frankfurt am Main, die mit ihrem deutschtürkischen Mann im Sommer 2014 nach Syrien reiste.

Es folgten lange Gespräche mit Maryam A. über das Erlebte und die Gründe, überhaupt zum IS zu gehen. Sie sitzt derzeit immer noch im Gebiet der Rebellen fest, die sowohl gegen den syrischen Diktator Baschar al-Assad wie gegen den IS kämpfen. In monatelangen Gesprächen über die brüchigen Internetverbindungen Nordsyriens, aus Fragmenten, die Maryam A. selbst schrieb, und rekonstruierten Chatprotokollen entstand dieses Buch, so offen und akribisch, wie noch keine Deutsche über ihre Zeit beim IS gesprochen hat.

Seit geschlagenen zwei Stunden laufe ich über steinige Äcker. Vor mir der Schmuggler und zwei weitere Männer. Neben mir zwei Frauen.

Ich male mir aus, was passiert, wenn plötzlich eine Gruppe IS-Kämpfer auf uns aufmerksam wird.

Das wäre das Todesurteil für unseren Schmuggler, bei dessen Familie ich die letzten fünf Tage versteckt leben musste. In Gedanken versunken sehe ich, wie Abdullah, unser Schmuggler, die Hand hebt, um uns zu sagen, dass wir stehen bleiben sollen. Sofort gehen alle in die Hocke.

Nachdem sich mein Atem beruhigt hat, höre ich, wieso wir nun auf dem Feld hocken. Das Knacken und Rauschen eines Funkgerätes. Dazu mehrere Männerstimmen. Ein Wachposten des IS. Ganz in unserer Nähe.

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Nr. 47/2017