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Politik

Das neue Deutschland

800 000 Flüchtlinge könnten in diesem Jahr in die Republik kommen, und der Zustrom wird nicht abreißen. Die Menschen sind eine Belastung, aber auch eine Chance: Sie zwingen das Land, weltoffener zu werden, großzügiger - und ein bisschen chaotisch.

HERMANN BREDEHORST / DER SPIEGEL
von
Melanie Amann
,
Jan Friedmann
,
Christiane Hoffmann
,
Horand Knaup
,
Martin Knobbe
,
Peter Müller
,
Conny Neumann
,
René Pfister
,
Maximilian Popp
,
Cornelia Schmergal
,
Christoph Schult
und
Michael Sontheimer
Lesezeit 26 Min
Politik

Wut liegt in der Luft. Angela Merkel ist nach Heidenau gekommen, und die Bürger stehen Spalier, aber es ist kein freundlicher Empfang, den sie der Kanzlerin bereiten, es ist ein Spalier des Hasses. "Volksverräterin", rufen einige, "Wir sind das Pack" andere. Es ist der Stolz der Dummen. Als die Kanzlerin in dem ehemaligen Baumarkt verschwunden ist, in dem 400 Flüchtlinge Platz gefunden haben, diskutieren hinter der Absperrung die Bürger der sächsischen Kleinstadt über die Menschen, die in ihrem Ort eine vorübergehende Zuflucht gefunden haben.

"Haben Sie diese jungen Burschen gesehen? Voller Hormone und ohne sinnvolle Beschäftigung. Da kommen sie doch auf dumme Gedanken", sagt ein gebräunter Rentner mit Fahrradhelm. Eine Frau nickt und sagt, sie lasse ihre Enkelin längst nicht mehr allein am Baumarkt vorbeilaufen.

Vor den Heidenauern steht ein Polizist mit südländischen Zügen, er trägt Schusswaffe und Schlagstock, aber sein Gesicht ist freundlich. Irgendwann wird er in das Gespräch hineingezogen. "Ich wurde 1980 in Deutschland geboren, aber meine Eltern sind Afghanen", sagt der Mann. "Sie sind damals vor dem Krieg mit den Russen geflohen." Sein Deutsch ist makellos. Auf seinem Hemd prangt das Emblem der niedersächsischen Polizei. Die Sachsen hören zu. Sie staunen.

"Mein Vater war Lehrer in Afghanistan, meine Mutter arbeitete im technischen Bereich", sagt der Polizist. "Aber natürlich konnten sie diese Berufe hier nicht mehr ausüben." Der junge Mann spricht ruhig, aber mit Nachdruck, er blickt den Leuten hinter der Absperrung direkt ins Gesicht. Seinen Namen mag er nicht sagen, aber nicht aus Angst, sondern weil er im Dienst keine politische Meinung äußern will. Der Mann mit den afghanischen Eltern hat die Prinzipien des deutschen Berufsbeamtentums ganz verinnerlicht.

Die Heidenauer sind still, für einen kurzen Moment schweigt das Ressentiment. Das erste Mal an diesem Tag.

Deutschland kann in diesem Spätsommer 2015 eine verwirrende Erfahrung sein. Es gibt Migranten in Uniform, die die ostdeutsche Kanzlerin vor einem wütenden ostdeutschen Mob beschützen müssen.

Die Angriffe auf Flüchtlingsheime haben ein dramatisches Ausmaß erreicht. Allein bis zum 6. Juli wurden 199 Übergriffe gezählt. Doch gleichzeitig sind die Deutschen hilfsbereit wie nie, sie gehen in die Flüchtlingsheime, verschenken Kleider und Spielsachen, sie kochen mit Syrern und Sudanesen, sie holen die Jungs zu ihren Kindern in die Fußballvereine.

Welches Deutschland wird sich durchsetzen? Das der Schreihälse am Straßenrand? Das der Randalierer und bierdumpfen Steineschmeißer, "Dunkeldeutschland", wie es Bundespräsident Joachim Gauck nennt? Oder das neue, lichte Deutschland, für das der junge Polizist mit den afghanischen Wurzeln steht? Wird Westeuropa die Flüchtlinge lieber in Lastwagen sterben lassen, als den Verzweifelten die Türen zu öffnen? Oder wird Deutschland sich daran erfreuen, helfen zu können und die Flüchtlinge teilhaben zu lassen an dem unglaublichen Glück, das der Republik in den vergangenen Jahrzehnten vergönnt war?

Wenn es um Migranten ging, hat sich Deutschland immer gern Illusionen hingegeben. Zuerst, in den Sechzigerjahren, hieß es, die Arbeiter aus Italien und der Türkei seien nur zu Gast hier, als helfende Hände an den Fließbändern bei Bosch und Daimler. Dann, als sie blieben und ihre Kinder neben den deutschen in der Schule saßen, als an jeder Ecke schon ein Türke Gemüse verkaufte, weigerten sich große Teile der Politik immer noch, die Republik als das zu bezeichnen, was sie geworden war: ein Einwanderungsland.

Wird…

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Nr. 36/2015