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Politik

Das letzte Gefecht

Der Kampf gegen den „Islamischen Staat“ in West-Mossul ist chaotisch und brutal, noch immer sind bis zu 200.000 Zivilisten eingeschlossen. Ein Frontbesuch.

JACOB RUSSELL / DER SPIEGEL
von
Christoph Reuter
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Politik

Jeden Morgen, sobald die Sonne aufgeht, kommen sie zu Tausenden. Huschen aus dem Schutz der Ruinen oder den Schatten der zerstörten Gassen, manche ziehen auch gleichgültig in der Mitte der Hauptstraßen entlang, als könnte ihnen nichts mehr passieren, nachdem sie der Hölle von West-Mossul entkommen sind. Es ist ein Exodus der Müden und Verstörten, aus einer Stadt, die einst die zweitgrößte des Irak war, reich und seit biblischen Zeiten besiedelt.

In der Nacht sind sie aufgebrochen, manchmal von bestechlichen IS-Männern an den Kontrollposten vorbeigeschleust, meist durch die Ruinen schleichend. Ihr Ziel ist der Bagdad-Kreisverkehr, ein paar Kilometer südlich des Zentrums. Jeder in der Stadt wisse um diesen Weg, sagen die Fliehenden, dass hier die Busse stünden, die sie in Sicherheit bringen könnten.

Wir sind gegen den Strom unterwegs, wollen dorthin, wo der "Islamische Staat" (IS) seine zusehends erbitterten Rückzugsgefechte führt. Im Juni 2014 nahmen die Terrorkrieger des "Kalifats" die Stadt ein, im Oktober vergangenen Jahres haben irakische Truppen mit der Rückeroberung begonnen. Nahezu überall ist der IS mittlerweile zurückgedrängt, in Mossul hält er Ende Mai fast nur noch die Altstadt westlich des Tigris. Und mittendrin kauern in Kellern und Souterrains laut Uno noch immer bis zu 200 000 Menschen. Sie wagen die Flucht meist erst, wenn der IS sich zurückzieht. Aber selbst dann bleiben viele, aus Angst vor IS-Scharfschützen, vor Plünderern, aus Mangel…

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Nr. 22/2017