Lesezeit 14 Min
Gesellschaft

Das Leben in den Zeiten der Cholera

Der vergessene Krieg im Jemen ist im vierten Jahr, gerade sind wieder Friedensgespräche gescheitert. Wie ergeht es den Menschen im abgeriegelten Norden, wie ertragen sie den Hunger, die Herrschaft der Huthi-Milizen und die Bomben der Saudi-Araber?

FIONA EHLERS / DER SPIEGEL
von
Fiona Ehlers
Lesezeit 14 Min
Gesellschaft

Ein Vater führt in das karge Wohnzimmer. Er bittet, Platz zu nehmen auf dem Lehmboden, reicht Tee und süßes Sesambrot. Zieht ein Handy aus dem Wickelrock, klickt auf selbst gedrehte Filme. Zu den Klängen traditioneller Trommeln tanzen drei Jungen in bodenlangen, ockerfarbenen Gewändern. »Sie tanzten so gern«, sagt der Vater. Er lächelt, sei es aus Scham oder angesichts der Erinnerungen, er lächelt, obwohl ihm die Trauer in das abgemagerte Gesicht geschrieben steht.

Er zieht die Gewänder aus einer Plastiktüte und atmet den Geruch seiner Söhne, in den Krägen stehen mit Kugelschreiber die Namen: Ali, 9, der Ehrgeizige mit den Segelohren und dem starken Willen. Ahmed, 11, der Klassenbeste, in sein Hausaufgabenheft schrieb er: »Ich liebe mein Land« und malte die Flagge des vereinten Jemen daneben. Jusef, 14, der Erstgeborene, des Vaters ganzer Stolz.

Drei Söhne von Hussein Tayeb, 38, sind tot. Am 9. August, gegen neun Uhr morgens, wurden sie in Dahjan, einem Dorf im Nordjemen, Provinz Saada, von einer Bombe getroffen. Sie saßen in einem Bus, er explodierte. Insgesamt starben 51 Menschen, davon 40 Kinder.

Die Nachricht dieses Unglücks ging um die Welt, sie warf ein kurzes Schlaglicht auf die verheerende Situation im Jemen, wo sich seit Jahren Huthi-Rebellen und Regierungstreue bekämpfen und eine internationale Koalition unter der Führung Saudi-Arabiens das Land in Schutt und Asche bombt.

Kurz darauf verschwand der Jemen aus den Nachrichtenspalten, wurde wieder unsichtbar, ein vergessener Krieg. Dafür gibt es zwei Gründe: Kaum jemand darf bisher in das Bürgerkriegsland, vor allem keine Berichterstatter aus dem Westen – und fast niemand darf hinaus. Da kaum Flüchtlinge aus dem Jemen in Europa stranden, erfährt man hier wenig über den Konflikt.

Zum ersten Mal erzählt dieser Vater ausländischen Journalisten seine Geschichte. Drei Wochen sind seither vergangen. Er spricht ruhig und gefasst. Er ist Steinmetz. Meistens fertige er Grabsteine,…

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Nr. 38/2018