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Das Jahrhundert-Gift

In Deutschland entdeckt, jahrzehntelang verheimlicht und verharmlost, über die ganze Erde verteilt, nun unausrottbar: Dioxin steht in Paris vor Gericht.

MARIA FECK / DER SPIEGEL
von
Cordt Schnibben
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Eine Frau – krank, zäh, alt – im Kampf gegen 26 Firmen, die sich hinter Dutzenden Anwälten verstecken, so könnte man das Drama erzählen.

Ein Junge, an Armen und Beinen so verkrüppelt, dass er so lange mit dem Mund malt, bis der Film über sein Leben für den Oscar nominiert ist. Auch das wäre eine schöne Story.

Ein Gift, dessen tödliche Wirkung so lange verschwiegen wird, bis es sich über den ganzen Erdball verbreitet hat. Und nun täglich durch Hunderte staatliche und private Labors überprüft werden muss.

Ein US-Präsident, der bewundert und verehrt wird, aber schwere Schuld auf sich geladen hat. Ein deutsches Unternehmen mit 45 000 Beschäftigten und 15 Milliarden Euro Umsatz, das versucht, sich seiner Schuld zu stellen. Auch so könnte man die Tragödie erzählen.

Und doch geht es in Wahrheit um mehr, es geht um die große Frage, wie der Mensch irrt und was er unternimmt, um diesen Irrtum zu vertuschen, statt ihn wieder aus der Welt zu schaffen.

Der Irrtum kommt in den Fünfzigerjahren in die Welt, weil Menschen in bester Absicht Pflanzenschutzmittel erfinden, mehr Weizen und Obst ernten möchten, mehr Menschen satt machen wollen, besser leben möchten als vor dem Krieg. Weil sie Stahl produzieren und Kunststoffe, weil sie aus guten Gründen beginnen, den Müll zu verbrennen. Hinzufügen muss man: Und weil es Unternehmen gab, die möglichst schnell möglichst viel Gewinn erzielen wollten.

Was der Mensch zunächst nicht merkt: Weil er all diese Dinge macht, produziert er unwissend eine chemische Verbindung, die das Potenzial hat, Millionen Menschen krank zu machen und zu töten. Tetrachlordibenzodioxin – TCDD. Und weil das so ist, steht dieses Ultragift nun vor Gericht, genauer gesagt, stehen Monsanto, Dow Chemical und 24 weitere Chemiefirmen vor Gericht.

Die 76-jährige Tran To Nga, an Brustkrebs erkrankt, klagt sie an, sie und ihre Kinder geschädigt zu haben. Die Firmen hatten Millionen Liter eines Herbizids produziert und der U. S. Army verkauft, die damit große Teile Vietnams entlaubt und auch die Klägerin, inzwischen Französin, geschädigt hat. Der Vorwurf in der Klageschrift: Den Unternehmen war klar, dass ihr Produkt jenes besonders giftige Dioxin enthielt, ein chemisches Gift, das im menschlichen Körper bis hin zu Krebs alles Mögliche anrichtet.

Die 26 Firmen nehmen das Verfahren sehr ernst, sie lassen sich von jeweils drei Anwälten vertreten. Tran wird unterstützt von vielen Opferverbänden und Dioxin-Initiativen, auch vom Verband der vietnamesischen Agent-Orange-Opfer (VaVa). Sollte das Gericht im Sinne der Klage urteilen, könnte das andere Geschädigte zu einer Klagewelle ermuntern.

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Dioxin-Klägerin Tran: Vorwurf an die Chemieindustrie

Seit den Fünfzigerjahren gewusst zu haben, wie gefährlich TCDD ist, aber dieses Wissen unterdrückt und verheimlicht zu haben, das ist der Vorwurf an die gesamte Chemieindustrie, die mit auf der Pariser Anklagebank sitzt.

Es ist ein perverser Winkelzug der Geschichte: Erst durch die flächendeckende Verseuchung Vietnams, erst durch Hunderttausende Hautkranke, Leberkranke, Lungenkranke und Krebskranke, erst durch Totgeburten und fehlgebildete Kinder wurde die Welt aufmerksam auf Dioxin. Erst durch millionenfaches Leid konnte das Schweigen gelüftet und die Produktion des Giftstoffes gestoppt werden.

Doch zwei Jahrzehnte haben gereicht, um Tausende Kilogramm eines langlebigen Giftes in die Welt zu setzen, das bereits in einer Menge von einem millionstel Gramm Meerschweinchen töten und Menschen schädigen kann. Dioxine entstehen bei…

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Nr. 45/2017