Lesezeit 28 Min
Gesellschaft

Das ist nicht fair

Deutschland geht es so gut wie nie, zugleich wächst das Gefühl, dass die Republik auseinanderdriftet. Und das wird weiter zunehmen, solange die Aufstiegschancen ungleich verteilt sind und die Politik die falschen Schlüsse zieht.

JAN PHILIP WELCHERING / DER SPIEGEL
von
Markus Dettmer
und
Cornelia Schmergal
Lesezeit 28 Min
Gesellschaft

Nur mal angenommen, ein Wesen von einem fremden Planeten würde dieser Tage zufällig in Deutschland Station machen. Es wäre ungeplant zwischengelandet, irgendwo zwischen Berlin und Bottrop, hätte keine der Debatten der vergangenen Monate verfolgt und zappte neugierig durch das Fernsehprogramm. Vermutlich würde es sich wundern, in welch eigenartigem Land es sich befindet – und ob es sich überhaupt um nur eine einzige Nation handelt oder um zwei gänzlich verschiedene.

Da wären zum einen die Bundeskanzlerin und ihre Partei, die sich im Lichte glänzender Statistiken sonnen, die nicht müde werden, das unaufhörliche Wachstum und die Erfolge der deutschen Wirtschaft zu feiern – und deren Mantra lautet, dem Lande gehe es so gut wie selten zuvor. Es ist eine gefällige Gewissheit, eine zahlenunterfütterte Wahrnehmung, die viele Menschen teilen, seit die Arbeitslosenzahlen ziemlich klein und die Haushaltsüberschüsse ziemlich groß sind.

Auf der anderen Seite wäre ihr Herausforderer von der SPD, Kanzlerkandidat Martin Schulz, dessen Kernthese lautet, dass zu viel schieflaufe im Lande der schönen Zahlen, dass es nicht mehr gerecht zugehe, dass viele Menschen sich vor dem Abstieg sorgten und dass es nicht sein könne, dass große Vermögen immer weiter wüchsen, während "es den Schulen ins Dach reinregnet". Es ist ein Gefühl, das genauso weitverbreitet ist bei den Bürgern, ein Unbehagen, das sich ausdehnt und das genauso wahr und richtig ist.

Willkommen in Deutschland, dem gespaltenen Land.

Ausgerechnet im Jahr 2017, dem Jahr der Bundestagswahl, erlebt die Republik ein Paradoxon. Fast alle statistischen Daten zeigen, dass es der Nation tatsächlich so gut geht wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Gleichzeitig wächst jedoch das unbestimmte Gefühl, dass die Gesellschaft sich auseinanderbewegt. Wie ein großes, schwarzes Loch dehnt sich der Raum zwischen belegten Fakten und dem subjektiven Empfinden aus. Die Befindlichkeit ist zum politischen Faktor ersten Ranges geworden.

Es gibt keine große Partei, die im Wahlkampf nicht darauf einginge. Die SPD verspricht schon im Titel ihres Wahlprogramms "Zeit für mehr Gerechtigkeit", vor allem über sozialpolitische Verheißungen, immer wieder taucht das Wort "Gerechtigkeit" in dem Papier auf. Die Union grenzt sich ab, indem sie das Wort sparsamer verwendet. Das Unbehagen greift sie allerdings ebenfalls auf, wie die SPD verspricht sie Entlastungen für die sich überfordert fühlende Mitte, die CSU auch eine Ausweitung der Mütterrente.

Auf das schwelende, nur schwer greifbare Gefühl gegenüber den gesellschaftlichen Zuständen reagieren die Parteien also so, wie sie es immer getan haben: mit teuren Versprechungen und wohldosierten Zückerchen für ihre Lieblingsklientel. Dumm nur, dass sie damit für neue Ungerechtigkeiten sorgen und die Unsicherheiten hinsichtlich der Zukunft sogar verstärken können.

Wie die Deutschen ticken, weiß kaum jemand so gut wie Michael Sommer. Der 48-Jährige ist Projektleiter beim Institut für Demoskopie Allensbach und befragt die Bundesbürger regelmäßig nach ihrem Befinden. Die Analysen der Demoskopen vom Bodensee haben Gewicht: In internen Runden erklären sie sowohl Union als auch SPD die Gemütslage der Deutschen. Kurz zusammengefasst lautet die Diagnose: akute Schizophrenie.

Die Republik steuert in den längsten Aufschwung seit Jahrzehnten hinein, schon im achten Jahr in Folge wächst die Wirtschaft (siehe Seite 26). Mit 32 Millionen liegt die Zahl der Beschäftigten auf einem Allzeithoch, nie zuvor gingen im Lande mehr Menschen einer sozialversicherungspflichtigen Arbeit nach als heute.

Schon der Blick in das eigene Portemonnaie dürfte viele Bürger optimistisch stimmen: Nach Jahren der Abstinenz steigen die Löhne wieder, und nicht nur Gutverdiener profitieren. Seit 2010 klettern auch die realen Stundenlöhne für Geringverdiener, wie…

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Nr. 31/2017