Lesezeit 18 Min
Gesellschaft

Das Gerücht

Eine zwölfjährige Syrerin fällt in Lüneburg aus dem Fenster ihres Klassenzimmers, drei Stockwerke tief. Auf das Unglück folgt der Rufmord – in den Medien wird aus Marams Fall die Verzweiflungstat einer IS-Sympathisantin.

DJAMILA GROSSMAN / DER SPIEGEL
von
Dialika Neufeld
Lesezeit 18 Min
Gesellschaft

Es ist ein Dienstag im Herbst, vier Wochen sind vergangen, seit sie aus dem Fenster ihres Klassenzimmers stürzte, aus dem dritten Stock, zwölf Meter tief, auf harten Stein. Sie könnte tot sein, doch gestern wurde sie 13 Jahre alt.

Sie sitzt in einem Rollstuhl in der Eingangshalle des Krankenhauses in Hamburg-Bergedorf unter vielen Lagen medizinischen Tuchs, unter einer Haube und mit blauen Plastikhandschuhen, Maram Mustafa, ein Kind mit langen, glatten Haaren und großen, kaffeebraunen Augen. 14 Brüche hat sie in den Beinen, ihre Leber war verrutscht, sie hatte Risse in beiden Nieren, die Wirbelsäule ist verletzt und ihre rechte Hand. "Guck, da ist jetzt überall Metall drin", sagt sie und zeigt auf ihre Beine. Sie weiß zu diesem Zeitpunkt nicht, ob sie je wieder wird laufen können. Doch ihr Blick ist stolz. Sie lebt.

Lüneburger "Landeszeitung" vom 23. August 2017: "Drama um ein Flüchtlingskind: 12-Jährige stürzt sich aus Fenster". So lautete am Tag nach dem Sturz die erste Schlagzeile zu Marams Fall, und viele weitere sollten folgen. Während die Ärzte Maram zusammensetzten, während sie im Koma lag, mutmaßte Lüneburg und bald auch der Rest des Landes, wer dieses Mädchen aus Aleppo ist. Wollte sie als ",Kriegerin' nach Syrien", wie die "Welt" vermutete? Hatte sie "Kontakt zur Islamistenszene?", wie az-online.de glaubte? Sprang sie "wegen Radikalisierung?" aus dem Fenster, wie die "Mopo" fragte? Der Bürgermeister Lüneburgs veröffentlichte eine Pressemitteilung, der Staatsschutz ermittelte bundesweit, der Mob im Netz schrieb Hasskommentare. So wurde aus einem Mädchen, dem ein großes Unglück widerfahren war, eine böse Medienfigur: eine zwölfjährige Schülerin, die als IS-Kämpferin nach Syrien ziehen will.

Wenn man mit Maram spricht, spürt man die Wut, die sich in ihr aufgestaut hat, sie spricht schnell und laut. Sie will erklären, wer sie ist. Und wer sie nicht ist; vor allem das. Alle redeten über sie, sagt sie. "Nur mit mir hat keiner geredet." Die Polizei nicht, die Schule nicht, niemand hat Maram selbst gefragt, warum sie auf den Fenstersims kletterte und fiel.

Am Vormittag des 22. August, um 11.46 Uhr, gehen in der Leitstelle der Lüneburger Polizei und des Rettungsdienstes drei Notrufe ein, einer von Marams Lehrerin aus dem Klassenraum, einer vom Schulleiter, ein weiterer von der Pausenaufsicht. Zwei Beamte eilen zur Oberschule am Wasserturm, einem schmucken, sorbetgelben Bau aus dem 19.…

Jetzt weiterlesen für 0,98 €
Nr. 6/2018