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Verbrechen

Das geplünderte Paradies

Sizilien, die ärmste Region des Landes, wählt eine neue Regierung – sie muss Mafia, Korruption und Auswanderung bekämpfen. Erkundungen in einem europäischen Krisengebiet.

PAOLO MARCHETTI / DER SPIEGEL
von
Walter Mayr
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Verbrechen

Das Land, wo die Zitronen viermal jährlich blühen, ist reich. An Sonnenstunden und Weltkulturerbe, an griechischen Tempeln, byzantinischen Fresken, arabischer Kunst; an Sandstränden und Michelin-Sternen.

Ein paradiesischer Flecken: Sizilien.

Wären da nicht die Zahlen: Mehr als jeder fünfte Erwerbsfähige ist arbeitslos, nahezu jeder zweite Inselbewohner arm oder von Armut bedroht. Sizilien wirkt reich, fällt aber immer weiter zurück – nicht nur im Vergleich mit dem industrialisierten Norden des Landes, auch gemessen am Rest des Mezzogiorno. Als "Griechenland Italiens", als Sorgenkind der Nation, gilt inzwischen die teilautonome Insel, die in der Antike zur "Magna Grecia" gezählt wurde.

Am 5. November wird auf Sizilien eine neue Regionalregierung gewählt. Die aussichtsreichsten Kandidaten für das Präsidentenamt sind ein ehemaliger Postfaschist, der mit dem Segen Silvio Berlusconis antritt, aber trotzdem von sich behauptet, keine "Marionette in den Händen eines Puppenspielers" zu sein, sowie ein Vertreter der vom Komiker Beppe Grillo geführten Fünf-Sterne-Bewegung. Der Kandidat der in Rom regierenden Sozialdemokraten von Ex-Premier Matteo Renzi liegt chancenlos auf Platz vier – ein schlechtes Omen für die im Frühjahr anstehende landesweite Parlamentswahl.

Letztlich allerdings sei es egal, wer das blanke sizilianische Elend künftig verwalte, sagt der Schriftsteller Pietrangelo Buttafuoco: Sizilien "mit seinem Haushaltsloch, seiner Arbeitslosigkeit auf höchstem Niveau, mit der Auswanderung der Jungen und einer Wertschöpfung, die niedriger ist als in der Nachkriegszeit, von Korruption, Kriminalität und Hunger ganz zu schweigen" – diese Insel sei nicht mehr regierbar: "Sie muss zwangsverwaltet werden."

Und in der Tat: Wer Sizilien dieser Tage bereist, der sieht hinter den Kulissen prunkvoller Palazzi bittere…

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Nr. 45/2017