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Wirtschaft

Das Geheimnis des Kulturbeutels

In Pflegeheimen und Kliniken fehlen Tausende Fachkräfte. Können Flüchtlinge helfen, den Personalnotstand in Deutschland zu lindern? Ein Vorzeigeprojekt will dafür sorgen.

SELINA PFRUENER / DER SPIEGEL
von
Cornelia Schmergal
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Um Frau Müller steht es nicht gut. Die graue Perücke ist tief in ihre Stirn gerutscht, den Mund kann sie nicht schließen. Nach einem Schlaganfall ist ihre linke Körperseite vollständig gelähmt, so steht es in ihrer Krankenakte. Die Patientin kann nicht sprechen, und nun stehen Ahmed, Akram und Ramin ratlos an ihrem Bett.

Sie sollen Frau Müller waschen, allerdings liegt die Tücke im Detail. Stellt man sich mit dem feuchten Lappen besser neben Frau Müllers linke, also die gelähmte Seite – oder neben die gesunde rechte? Die Männer schauen sich zweifelnd an.

"Rechts", sagt Ramin, "dann schaut sie mich an, weil sie auf der Seite liegt."
"Rechts", vermutet Akram, "da fühlt sie noch ein bisschen."
"Rechts, da ist mehr Platz neben dem Bett", sagt auch Ahmed und reißt mit Schwung das Gitter neben der Matratze hoch. Es ist ein Akt der Fürsorge, damit Frau Müller nicht zu Boden fallen kann. Allerdings ist es auch der Moment, in dem die Lehrerin zum ersten Mal einschreitet.
"Stopp", ruft Shilan Fendi von hinten. "Das Bettgitter sollte man nur hochklappen, wenn ein Richter das angeordnet hat. In Deutschland nennt man das sonst möglicherweise Freiheitsberaubung. Und außerdem: Wir wollen Frau Müllers Wahrnehmung fördern. Wir beginnen links."

Frau Müller wird auch dazu schweigen, das liegt in ihrer Natur: Die Patientin ist eine Lehrpuppe aus Kunststoff. Ihr Zimmer befindet sich in einer Schule für angehende Fachkräfte, dem Bonner Verein…

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Nr. 22/2017