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Politik

Das Experiment

Die Bewegung »En Marche« hat Emmanuel Macron an die Macht gebracht. Nun ist sie auf einmal Regierungspartei. Kann das gut gehen?

CYRIL ZANNETTACCI / DER SPIEGEL
von
Julia Amalia Heyer
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Politik

Wenn Christophe Castaner, 52, von seiner Beziehung zu Emmanuel Macron spricht, also zu demjenigen, der sich die Bewegung ausgedacht hat, an deren Spitze Castaner steht, dann sei da bei ihm auch eine »Dimension des Verliebtseins«.

Besucht man den stellvertretenden Parlamentspräsidenten Sacha Houlié, 29, in seinem Büro, dauert es keine zwei Minuten, bis er die Autobiografie von Macron aus dem Regal zieht und stolz die Widmung darin vorliest: »Für Sacha, der diese Revolution an meiner Seite begonnen hat – noch vor dem ersten Tag«.

Und Amélie de Montchalin, 32, Sprecherin des Finanzausschusses der Nationalversammlung, die Politikerin werden wollte, seit sie zehn Jahre alt ist, sagt, seit sie für Macron im Parlament sitze, fühle sie sich »am absolut richtigen Platz«.

Seit fast einem Jahr steht Emmanuel Macron nun an der Spitze des französischen Staates, und während er durch die Welt wirbelt oder diese im Élysée empfängt, soll aus La République en marche (LREM), seiner Bewegung, eine Regierungspartei werden. Mehr noch: eine Volkspartei, von der sich möglichst viele Franzosen repräsentiert fühlen.

Macron hat mit seiner Wahl die politischen Koordinaten verschoben. Wo früher auch und vor allem Sozialisten und bürgerliche Rechte um Wähler buhlten, klafft jetzt eine Leerstelle. La République en marche will sie füllen, aber kann das gelingen? Kann man alles neu und anders machen und trotzdem die demokratische Repräsentation gewährleisten, diese wesentliche Funktion eines Parteiensystems?

Der Druck jedenfalls ist groß, fast fühlbar die Anspannung – denn ein Scheitern wäre fatal. Die politische Landschaft, wie es sie bisher gab, das Balancespiel zwischen Opposition und Regierung, liegt seit Macrons Siegeszug in Trümmern. Zumindest für den Moment ist es an ihm und seiner Bewegung, sie wieder aufzubauen. Noch eine Enttäuschung würden die Franzosen nach fünf bleiernen Jahren unter François Hollande im Élysée wohl harsch quittieren und sich weiter…

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Nr. 15/2018