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Gesellschaft

Das Erbe

Konservativ sei wieder sexy, behauptet die CSU. Aber was bedeutet der Begriff heute? Eine Deutschlandreise durch Ost und West, zu Intellektuellen und Politikern, vom Grünen Boris Palmer bis zu Alexander Gauland von der AfD.

SVEN DÖRING / DER SPIEGEL
von
Sebastian Hammelehle
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Gesellschaft

Was der Wetterbericht nicht angekündigt hat: Die Nebel der Vergangenheit haben sich über das Land gelegt. Sie liegen über der politischen Debatte, sie liegen über Talkshows, über den Sachbüchern zur deutschen, wenn nicht gar zur germanischen Frage. Es geht um die Heimat, es geht um die Nation, um deutsche Werte, um deutsche Kultur, auch um die Wehrmacht geht es, selbst um das kaiserliche Heer. Nebel, Nebel überall. Sogar auf der Landstraße in Brandenburg herrscht Nebel. Er liegt über den Waldstücken und Ackerflächen, den wieder angepflanzten Lindenalleen, die sich Richtung polnische Grenze ziehen. Hier, in Friedersdorf, nördlich von Frankfurt an der Oder, soll er begraben sein: Friedrich August Ludwig von der Marwitz.

Dieser Marwitz, geboren 1777, preußischer Adliger und Offizier, wäre heute wahrscheinlich vergessen, hätte ihm nicht Theodor Fontane ein Denkmal gesetzt in seinen "Wanderungen durch die Mark Brandenburg". So ragt Marwitz aus dem Nebel der Vergangenheit – weniger als Kriegsheld oder Gutsherr, sondern weil er gegen die Reformen des damaligen preußischen Staatskanzlers focht, gegen die Ideen des Fürsten Karl August von Hardenberg. "Erst von Marwitz' Zeiten ab existiert in Preußen ein politischer Meinungskampf", schreibt Fontane und: "Derjenige, der, meines Wissens, zuerst den Mut hatte, diesen Kampf aufzunehmen, war Marwitz." Ein Mann wie ein Anker, "der uns auf tiefem Grunde mit seinem Eisenzahne festhält, wenn die frische Brise zum Sturme zu werden droht".

Die frische Brise, das waren im frühen 19. Jahrhundert die Befreiung der Bauern und die Emanzipation der Juden, eine modernere Gesellschaft, der Abschied vom Feudalismus. Hiergegen stritt Marwitz. Denker, die sich gegen die Aufklärung des 18. Jahrhunderts, gegen die Französische Revolution wandten, hatte es im deutschsprachigen Raum schon vor ihm gegeben; Marwitz aber war eine der ersten prägenden Gestalten der konservativen Opposition.

Die deutsche Geschichte, sie hat viele Stürme gebracht seit Marwitz' Tod im Jahr 1837. Sein Herrenhaus wurde nach dem Zweiten Weltkrieg gesprengt, auf Geheiß der Sowjets, die Kirche, in deren Schatten er begraben liegt, verfiel. Nach dem Fall der Mauer hat die Familie das Gut zurückgekauft. Sein Urururenkel Hans-Georg von der Marwitz, 56, steht an der eisernen Friedhofspforte, schließt auf und weist auf die dunkle, metallene Platte. Das ist das Grab, das Grab des Friedrich August Ludwig von der Marwitz.

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Hätte Marwitz das Wörtchen "sexy" gekannt, hätte er gewusst, was einen Generalsekretär vom General eines Heeres unterscheidet? Wohl kaum. Und auch viele Nachgeborene wussten bis vor Kurzem nicht, dass die Christlich-Soziale Union Bayerns sogar einen stellvertretenden Generalsekretär hat. Er heißt Markus Blume, er war es, der Anfang Oktober ein Thesenpapier verfasst hat. "Konservativ ist wieder sexy", schrieb er da – einen Satz, der sich nach der Bundestagswahl vor allem so interpretieren ließ: Die Union ist nicht sexy genug. Die CSU hat knapp zehn Prozent verloren, die CDU erzielte ihr zweitschlechtestes Ergebnis seit 1949. Woran liegt das? Unter Angela Merkel ist die Partei in die Mitte gerückt, von rechts kommt die stark gewordene AfD. Jahrzehntelang hatten CDU und CSU zumindest im Bundestag rechts der Mitte ein Monopol. Das ist vorbei, ihr Selbstbewusstsein ist erschüttert. Aber vertreten auf der anderen Seite nicht auch die Grünen mittlerweile konservative Positionen? Das ist das Spannungsverhältnis, in dem die Diskussion geführt wird, was heute konservativ sei.

Auch in diesem Text geht es um diese Frage. Er führt zu Wertkonservativen und Deutschnationalen, zu Modernisierern und Traditionalisten, zu Intellektuellen, Politikern und zu…

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Nr. 45/2017