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Politik

Das Endspiel

Präsident Erdoğan greift nach der Alleinherrschaft und scheint auf dem Höhepunkt seiner Macht. Doch der Staat, den er regiert, ist im Zerfall begriffen. Das Referendum am 16. April könnte eine Wende einleiten.

EMIN OZMEN / DER SPIEGEL
von
Maximilian Popp
und
Eren Caylan
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Politik

Titelbild

Satiriker Gezen: „Die Türkei hat ihren Humor verloren“

Müjdat Gezens Job ist es, die Menschen zum Lachen zu bringen. Er tritt als Satiriker im türkischen Fernsehen auf, schreibt Theaterstücke und Drehbücher.

Seit einigen Wochen aber, sagt Gezen, sei ihm eher zum Heulen zumute. Fanatiker haben die Theaterakademie, die er in Istanbul betreibt, in Brand gesetzt. Gezen hatte sich über Präsident Recep Tayyip Erdoğan lustig gemacht. "Die Türkei hat ihren Humor verloren", klagt er.

Gezen, 73 Jahre alt, ein kräftiger Mann mit schulterlangen, grauen Haaren und grauem Bart, führt durch seine Akademie. Die Decken sind noch schwarz vom Ruß, aber ansonsten ist das Gebäude wiederhergestellt. Junge Männer und Frauen sitzen auf Plastikstühlen im Foyer, spielen Gitarre, scherzen.

Gezen erzählt, ihm sei nicht bang um sein Haus. Seine Studenten seien voller Elan. Er sorge sich um sein Land. Gezen saß nach dem Militärputsch 1980 im Gefängnis. "Ich weiß, wie sich eine Diktatur anfühlt", sagt er. "Ich will das nicht noch einmal erleben."

Die Türkei befindet sich seit Monaten im Ausnahmezustand. Präsident Erdoğan hat den gescheiterten Militärputsch vom 15. Juli 2016 zum Anlass genommen, den Staat umzubauen und Oppositionelle auszuschalten. Fast 130 000 Beamte wurden vom Dienst suspendiert, etwa 46 000 Menschen als vermeintliche Verschwörer verhaftet. Und nun warnen viele Kritiker davor, dass Erdoğan das Land endgültig in eine Diktatur verwandeln könnte.

Am 16. April stimmen die Türken über die Einführung eines Präsidialsystems ab, das fast die gesamte Macht im Staat auch formal bei Erdoğan…

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Nr. 11/2017