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Politik

Das Ende der Wahrheit

Das zeitweise Verschwinden eines Mädchens wird zum internationalen Politikum. Russland schlachtet den Fall für seine Propaganda aus. Mit seiner Strategie will Moskau den Westen destabilisieren und Europa auseinandertreiben: der hybride Krieg.

GORDON WELTERS / DER SPIEGEL
von
Melanie Amann
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Markus Becker
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Benjamin Bidder
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Hubert Gude
,
Konstantin von Hammerstein
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Alexej Hock
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Christiane Hoffmann
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Martin Knobbe
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Peter Maxwill
,
Peter Müller
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Gordon Repinski
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Sven Röbel
,
Anna Sadovnikova
,
Matthias Schepp
,
Jörg Schindler
und
Christoph Schult
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Politik

Svetlana F. sitzt am Küchentisch in einer Doppelhaushälfte in Marzahn-Hellersdorf. Die schlanke Frau, 39 Jahre alt, knetet unablässig ihre Hände, als sie über das spricht, was ihrer Tochter vor mehr als zwei Wochen zugestoßen ist. Immer wieder muss sie das Gespräch unterbrechen, weil sie die Tränen nicht zurückhalten kann. Es soll ihr einziges Interview sein.

"Meiner Tochter", sagt die Mutter, "geht es schlecht." Als SPIEGEL und SPIEGEL TV die Familie am vergangenen Donnerstag treffen, ist das Mädchen im Krankenhaus, "seit Montag ist sie in stationärer psychiatrischer Behandlung".

Seitdem das 13-jährige Mädchen am frühen Morgen auf dem Weg zur Schule verschwand, ist für die Familie nichts mehr, wie es war. Denn ihr Fall ist zum internationalen Politikum geworden, seitdem russische Medien ihn aufgriffen und Außenminister Sergej Lawrow die deutschen Ermittlungsbehörden attackierte.

Die Wahrheit, heißt es, sei das erste Opfer im Krieg. Das gilt umso mehr für den Propagandakrieg, den Moskau seit der Ukrainekrise gegen den Westen und seine offenen Gesellschaften führt. Das 13-jährige Mädchen und sein Verschwinden sind zur Waffe in diesem Krieg geworden. In der russischen Version hat der Fall alle Zutaten, die es dazu braucht: ein geschändetes Mädchen, gewalttätige Flüchtlinge, eine Polizei, die aus politischer Korrektheit nicht ermitteln will, Politiker, die Angst haben vor der Wahrheit – das ist die Geschichte, die Moskau erzählt. Unabhängig von Fakten.

Inzwischen spielt sich der Kreml als Anwalt des Mädchens auf. Anfang der Woche schickte die russische Botschaft in Berlin eine Verbalnote an das Auswärtige Amt. Der Brief, eine Seite in russischer Sprache, enthält die üblichen Höflichkeitsformeln, in der Sache aber ist er aggressiv. Der Fall müsse restlos aufgeklärt werden, forderten die russischen Diplomaten. Man sehe nicht ein, dass die Angelegenheit verschwiegen werde.

Am Dienstag hatte Lawrow den deutschen Behörden öffentlich "Vertuschung" vorgeworfen. Er beschuldigte sie, "die Realität politisch korrekt zu übermalen". Außenminister Frank-Walter Steinmeier reagierte scharf und sprach von "politischer Propaganda". Am Mittwoch wurde der russische Botschafter Wladimir Grinin zum Gespräch gebeten und über den Stand der Ermittlungen belehrt.

Doch im Netz kursiert weiter die Version von der Vergewaltigung. Die Propagandaschlacht dauert an. Nach Einschätzung von Sicherheitskreisen hat Russland seine gegen den Westen gerichteten Kampagnen in den vergangenen Jahren massiv ausgeweitet, auch in Deutschland. Der Kreml versucht so, die öffentliche…

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Nr. 5/2016