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Wirtschaft

Das Düsentrieb-Dilemma

Der Ingenieur ist der Stolz der Nation, er verkörpert das Gütesiegel »made in Germany«. Doch Abgasskandal und BER-Debakel kratzen am Mythos, Digitalexperten laufen den Technikern den Rang ab. Die Erfinder müssen sich neu erfinden.

JESCO DENZEL / DER SPIEGEL
von
Alexander Jung
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»Ich bin Ingenieur, Herr Doktor«, antwortete Hans Castorp mit bescheidener Würde. »Ah, Ingenieur…«

Thomas Mann: »Der Zauberberg« (1924)

Raphael Kiesel würde anecken, das war klar, Kiesel war nervös. Der junge Mann stand am Pult im Hörsaal der Technischen Universität Berlin, vor ihm die Professoren, die meisten Ingenieur wie er, aber eine Generation älter. Kiesel, Jahrgang 1991, bat um Verständnis für das, was er zu sagen habe. Dann legte er los.

Kiesel sprach im März auf einem Kongress zur Qualität der Ingenieursausbildung, ein schlanker, junger Mann, der etwas vom Rock-'n'-Roller Buddy Holly hat, wenn er über das Horngestell blickt. Er erzählte, dass er in Aachen Wirtschaftsingenieur mit Fachrichtung Maschinenbau studiert habe und nun dort am Fraunhofer-Institut arbeite. Und er berichtete, was ihm einst widerfahren war, als er Kontakt mit der Unternehmenswelt hatte, erstmals überhaupt.

Die Leute hätten von "MongoDB" und "SQL" geredet, von den Vor- und Nachteilen solcher Datenbanksysteme. "Was wollen die von mir?", habe er sich gefragt. Er hatte an einer Spitzenuni studiert, Zeit in den USA, in Frankreich, in China verbracht – und dann so etwas: "Ich fühlte mich überfordert."

Nun rächte sich, dass Computertechnologien in seinem Studium keine große Rolle gespielt hatten. 210 Leistungspunkte musste er für den Bachelor erbringen, nur 6 davon waren für Informatik vorgesehen. Über Mathematik und Mechanik hatte Kiesel eine Menge erfahren – aber zu wenig über das, was er so dringend benötigte: Verständnis fürs Digitale.

Die Reaktion im Auditorium? Erst Stille. Dann, zum Erstaunen Kiesels, Zustimmung. Die Lehrpläne seien reformbedürftig, sagte einer. "Unsere ganzen Strukturen stimmen nicht mehr", rief ein anderer ins Plenum. Da passte es irgendwie, dass es im Hörsaal spürbar kühler wurde: Die Heizung war ausgefallen.

Selbst Ingenieure frisch von der Hochschule kommen offensichtlich nur schwer mit den Anforderungen zurecht, die in der Arbeitswelt heute gestellt werden. Wie aber mag es da erst Kiesels älteren Kollegen gehen, von denen manche ausgebildet wurden, als die Lochkarte der gängige Datenträger war?

Viele von ihnen leben noch in der Welt von Taschenrechner und Millimeterpapier, sie haben den Übergang ins 21. Jahrhundert verpasst. Der deutsche Ingenieur, ob erfahren oder neu im Job, bedarf der Runderneuerung. Er ist reif für den Neustart.

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Wirtschaftsingenieur Kiesel: »Was wollen die von mir?«

Dies mag schwer zu glauben sein, da sein Image lange tadellos war, das Ansehen enorm. Der deutsche Ingenieur gilt als Inbegriff von Präzision und Perfektion. Er verkörpert wie kein anderer das Gütesiegel "made in Germany". Er steht für ausgereifte Produkte, die verlässlich funktionieren und ewig halten. Deshalb bezahlen Kunden überall auf der Welt anstandslos etwas mehr für den Miele-Wäschetrockner oder die Mercedes-S-Klasse als für Konkurrenzprodukte.

Mit seiner Neugier, seiner Hartnäckigkeit und einem schier unerschütterlichen Glauben an die Kraft des Fortschritts scheint er zu jedem noch so kniffligen Problem eine praktikable Lösung zu finden. "Geht ein deutscher Techniker mit ein paar Konservendosen in den Urwald, kommt er mit einer Lokomotive heraus", prahlte einmal der Motorenbauer Felix Wankel mit imperialer Arroganz. Daran stimmt zumindest, dass…

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Nr. 23/2018