Lesezeit 14 Min
Wirtschaft

Das digitale Chinatown

Während Peking und Washington über Freiheit und Sicherheit im Internet streiten, erobern die Chinesen das Silicon Valley. Was machen sie dort - und wie verändern sie ihre Heimat?

LAURA MORTON / DER SPIEGEL
von
Bernhard Zand
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Wirtschaft

Es ist ein trüber Herbstnachmittag in Peking, über dem Flughafen hängt Smog, als um kurz nach zwei Uhr der Flug HU7989 zum Boarding aufgerufen wird. Der Langstreckenflug führt ostwärts, in die USA, direkt nach San Jose, in die Hauptstadt des Silicon Valley. Die Passagiere, überwiegend junge Chinesen, stehen ungeduldig in der Schlange, manche tragen Basecaps, manche auch noch große Kopfhörer darüber. Ihre Gesichter glimmen im kalten Licht der Smartphones, auf die sie starren. Sie reden nicht viel, sie haben Chats zu beenden, E-Mails zu schreiben, Nachrichten zu lesen.

"Ich arbeite bei Oracle in Redwood", sagt der Softwareentwickler Ling Zi; sein Urlaub ist zu Ende. "Ich studiere Computerwissenschaft in Santa Cruz", sagt ein junger Mann, der sich "Simmi" nennt; das neue Semester fängt an. "Ich fliege nach Hause", sagt ein Informatiker; sein Zuhause, das ist Cupertino, der Apple-Hauptsitz, die Stadt mit den vielen Chinesen.

Um 15 Uhr hebt die Maschine ab und löst sich aus dem Smog der chinesischen Hauptstadt. Über der Mandschurei schlafen die ersten Reisenden ein, über Sibirien geht die Sonne unter. Im Bordprogramm laufen chinesische Weltkriegsfilme und die amerikanische Sitcom "Silicon Valley", in der es um den Aufstieg eines genialen, aber sozial etwas beschränkten Softwareingenieurs geht. Stunden später landet HU7989 in der grellen Sonne Kaliforniens, es ist elf Uhr morgens am selben Tag, vier Stunden früher als beim Abflug. Die Passagiere schalten sofort ihre Handys ein. "Mann, ist das Internet hier langsam", sagt Simmi. "Stimmt", antwortet ein anderer Reisender. "Dafür gehen hier Twitter und Facebook."

„Für viele von uns hat die Entscheidung für Amerika…

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Nr. 44/2015