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Politik

Das Cyber-Dilemma

Kriminelle nutzen Schwachstellen in Soft- und Hardware, der Staat will die Lücken schließen. Zugleich braucht er sie, um zurückzuschlagen. Die Regierung ringt um eine Lösung.

MARCUS GLOGER / DER SPIEGEL
von
Maik Baumgärtner
,
Matthias Gebauer
,
Martin Knobbe
und
Marcel Rosenbach
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Politik

Die Hacker blieben lange unsichtbar. Zuerst schickten sie eine unverdächtige Mail an den örtlichen Energieversorger. Ein Mitarbeiter öffnete den Anhang und infizierte seinen Rechner mit der Schadsoftware.

Nach und nach drangen sie in die Systeme vor, dann griffen sie an: Sie öffneten die Hochspannungsleistungsschalter von mindestens 30 Schaltanlagen, was zu einem plötzlichen Stromausfall führte. Zugleich froren sie die Überwachungssysteme der Netzleitstellen ein, sodass dort keiner die Störung erkennen konnte. Sie fluteten die Callcenter des Energieversorgers mit computergenerierten Anrufen, die Leitungen brachen zusammen. Kein Stromkunde drang mehr durch, um den Ausfall zu melden.

Es war die perfekte Sabotage.

Mehrere Hunderttausend Einwohner des westukrainischen Verwaltungsbezirks Iwano-Frankiwsk hatten am 23. Dezember 2015 bis zu sechs Stunden lang keinen Strom. Ein Jahr später folgte ein ähnlicher Angriff. Wieder zielten die Eindringlinge auf die Stromversorgung in der Westukraine, wieder gab es stundenlang keinen Strom. Sicherheitsbehörden machten zwei Hackergruppen für die Angriffe verantwortlich: Sandworm und Berserk Bear. Beide sollen von russischen Nachrichtendiensten gesteuert sein. Die Kampagne war offenbar eine Machtdemonstration des Kreml.

Die Fälle werden detailliert in einem aktuellen Papier des Nationalen Cyber-Abwehrzentrums beschrieben, einer Stelle, die neun deutsche Sicherheitsbehörden gemeinsam im Bundesamt für die Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) in Bonn betreiben. Die Cyberexperten der Bundesregierung halten einen solchen Angriff auch in Deutschland für möglich. Sie beunruhigt vor allem die Qualität der…

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Nr. 35/2018