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Politik

Das Chamäleon

Ausgerechnet Alexis Tsipras, der das Spardiktat beenden wollte, muss nun sparen wie keiner zuvor. Nun rätselt Europa: Ist der Premier ein tragischer Verlierer – oder ein Sieger, der seine Macht auf Jahre sichert?

ARIS / DER SPIEGEL
von
Julia Amalia Heyer
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Politik

Manchmal wirkt es, als streite Alexis Tsipras mit sich selbst. Tsipras, der Pragmatiker, ringt dann mit Tsipras, dem Ideologen. Und Tsipras, der nette Schwiegersohn, wetteifert mit Tsipras, dem Demagogen. Nicht nur seine Gegner halten ihn für unberechenbar, auch ein enger Berater bezeichnet ihn als Chamäleon. Vielleicht weiß sogar Tsipras selbst nicht immer so genau, in welcher Rolle er gerade steckt.

Die Frage, wer und was Alexis Tsipras eigentlich ist und was er will, treibt mittlerweile ganz Europa um. Tsipras, gerade mal 40 Jahre alt, seit knapp sechs Monaten griechischer Premierminister: ein Rätsel. Was wird er sagen? Wie wird er es sagen? Und wird er anschließend auch tun, was er gesagt hat?

Am Dienstagabend, um 22 Uhr Athener Zeit, tritt Tsipras als Staatsmann auf. Es ist ein bravouröser Auftritt, einer seiner besten vielleicht – und auch einer seiner ehrlichsten. Tsipras trägt einen dunklen Anzug zum weißen Hemd, er sitzt am Schreibtisch in seinem holzgetäfelten Büro in der Villa Maximos. Hinter ihm an der Wand hängt ein seltsames rostbraunes Gemälde. Man sieht ihm den monatelangen Verhandlungsmarathon jetzt an, zum ersten Mal vielleicht. Er ist bleich, wirkt erschöpft, aber auch reifer. Als wäre er auf die Schnelle ein paar Jahre gealtert. Aber da ist keine Resignation in seinem Gesicht, im Gegenteil, er sieht entschlossen aus.

Er habe eine Einigung ausgehandelt, sagt er; sie sei das Beste, was er habe bekommen können. Das Beste für Griechenland, für die Griechen. Es handle sich dabei um "einen Text, an den ich nicht glaube, aber den ich unterzeichnet habe, um ein Desaster für das Land zu vermeiden". Tsipras blickt direkt in die Kamera: "Ich habe gekämpft bis zur allerletzten Minute, ich habe erst aufgehört, als es nicht mehr anders ging." Er spricht ruhig und besonnen, nicht wie ein Neuling auf der Bühne der internationalen Politik…

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Nr. 30/2015