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Verbrechen

Das Burgtheatertheater

Die bedeutendste Bühne der deutschsprachigen Welt betrog den Staat, der sie finanzierte. Die Wiener Staatsanwaltschaft wird wohl Anklage erheben. Der Ruf ist ruiniert. Eine Geschichte über das Versagen kultureller und politischer Eliten.

PETER NEUSSER / DER SPIEGEL
von
Lothar Gorris
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Verbrechen

Ziemlich leicht vorstellbar, wie prächtig sich das angefühlt haben muss. Der Fahrer, der einen abholt und ins Theater bringt, der Weg über Wiens Ringstraße, links und rechts die Kulissen des Imperiums, die in der Sonne glänzen: Staatsoper, Museen, Nationalbibliothek, Palais an Palais, ein Streifzug durch die Kulturgeschichte der Menschheit, Athen, Rom und Florenz, Antike und Renaissance neu aufgelegt. Und schließlich der Josef-Meinrad-Platz, Josef Meinrad, die Legende des Burgtheaters, bekannt aus Funk und "Sissi"-Filmen. Am Bühneneingang der Parkplatz im Schatten des Theaters, schöner, größer, bedeutender und älter als alle anderen Bühnen der deutschsprachigen Welt. Grüß Gott, Herr Direktor.

Ein Tempel der Kunst im Zentrum der Macht. Gegenüber das Parlament der Republik und das Rathaus von Wien. Nebenan das Landtmann, wo schon Freud den Kaffee nahm und noch heute Journalisten und Politiker sich gegenseitig beim Intrigieren zuschauen. Vis à vis vom Kaffeehaus die Zentrale der Sozialdemokratischen Partei Österreichs, standesgemäß in einem ehemaligen Mietshaus. Im Rücken das Kanzleramt, in dem ein neuer Kanzler die SPÖ vor dem Untergang retten muss. Und schließlich die Hofburg, eine Schlossstadt in der Stadt, in der der Kaiser der Habsburger über sein Reich herrschte und bald womöglich Norbert Hofer auf den seltsam leeren Heldenplatz blicken wird, wo einst die Wiener Adolf Hitler feierten.

Auf diesem Quadratkilometer rund um das Burgtheater wird es einem ganz schwindlig vor lauter Geschichte und Gegenwart, Macht und Prunk, Kunst und Politik, Bedeutung und Größe. Kaiser Franz Joseph, Sisis Ehemann, hat dieses Wien in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erschaffen. Sein Reich erstreckte sich von Galizien bis auf den Balkan, vom Norden Italiens bis nach Siebenbürgen. Wien wuchs während seiner Regentschaft um das Dreifache, auf 2,2 Millionen Menschen. Dann kam der Erste Weltkrieg, der Monarch starb und bald die Monarchie, das Reich dampfte zusammen. Wien ist immer noch nicht so groß wie vor hundert Jahren, das Zentrum einer Resterepublik, eine Stadt, die sich anfühlt, als müsste es die viel zu großen Hosen des älteren Bruders auftragen.

Mittendrin strahlte das Burgtheater, ein Nationalheiligtum, Palast der Kulturnation. Theater sind Illusionsmaschinen, und das Burgtheater erschuf die Illusion, dass Österreich immer noch groß und bedeutend sei. Es war eine Fantasie, die mit aller Maßlosigkeit etwas darstellen sollte, was es längst nicht mehr gab.

Ob Monarchie oder Demokratie, die Burg war Österreichs Schmuckstück, wer wollte da kleinlich sein.

Vor zweieinhalb Jahren kam heraus, dass die Burg zu viel Geld ausgegeben hatte. Schwarze Kassen waren eingerichtet worden, Steuern hinterzogen, Bilanzen gefälscht. 20 Millionen Euro standen schließlich negativ zu Buche. Warum auch sollte die Kunst besser sein als die Welt, die sie umgibt? Das Burgtheater betrog die Gesellschaft, die es finanzierte. Fast so, als hätten die politischen und kulturellen Eliten den Populisten noch ein paar Argumente liefern wollen, dass ihnen nicht zu trauen ist.

Längst ist die FPÖ in den Umfragen stärkste Kraft, die alten Volksparteien kämpfen ums Überleben. Zu viele Affären, zu viele Krisen, die Banken, der Euro, die Flüchtlinge und keine Antworten der Politik. Sie hatten es sich jahrzehntelang gemütlich gemacht und sich beim Regieren abgewechselt: die SPÖ, sozialdemokratisch, städtisch, liberal, aufgeklärt, die Partei der Arbeiter und Gebildeten; und die ÖVP, die Österreichische Volkspartei, ländlich, konservativ, katholisch, die Partei der Bauern und des Mittelstands. Das Land aufgeteilt in eine rote und eine schwarze Reichshälfte. Wien und Burgtheater gehörten den Roten.

Beim ersten Wahlgang für das Amt des Präsidenten im April bekam der Kandidat der SPÖ nur noch elf Prozent der Stimmen. Rote Reichshälfte, schwarze Reichshälfte, alles Geschichte. Eine Stichwahl zwischen dem Grünen Alexander Van der Bellen und dem FPÖ-Kandidaten Hofer wurde für ungültig erklärt, weil bei der Auszählung geschlampt wurde. In den Umfragen zur Wahl am 4. Dezember führt mal Van der Bellen, mal Hofer. Gut möglich, dass der Sieg Trumps ihm hilft. Oder auch nicht.

Der eine SPÖ-Kanzler ging im Mai, der andere kam. Nun soll Christian Kern, smart, durchtrainiert, das Land retten: "Wenn wir jetzt nicht kapiert haben, dass das unsere letzte Chance ist, dann werden die beiden Großparteien und diese Regierung von der Bildfläche verschwinden – und wahrscheinlich völlig zu Recht."

Mittendrin, im Chaos des modernen Österreichs, das als erste Nation Westeuropas an die Populisten fallen könnte, ein Niedersachse aus Osnabrück. Zweieinhalb Jahre ist es jetzt her, dass der Burgtheaterdirektor Matthias Hartmann entlassen und ein letztes Mal zur Arbeit gefahren wurde. Es war das Ende seines großes Lebenstraums. Entlassen, weil er als künstlerischer Geschäftsführer Mitverantwortung getragen habe. Seitdem klagt er vor dem Arbeitsgericht, es geht um viel Geld, aber noch mehr um seinen Ruf. Das Verfahren ruht, solange die Ermittlungen wegen möglicher Untreue und Bilanzfälschung laufen. Noch ist nicht entschieden, gegen wen genau Anklage erhoben werden soll. Ziemlich sicher gegen die frühere kaufmännische…

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Nr. 48/2016