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Verbrechen

»Das Beste für die Familie«

Der mutmaßliche Mörder Ali B. suchte in Deutschland vor allem ein besseres Leben, nicht Schutz vor Krieg und Verfolgung. Sein Asylverfahren und die Erzählungen seiner Angehörigen zeigen die Schwierigkeiten des deutschen Staates mit solchen Fällen.

YOUNES MOHAMMAD / DER SPIEGEL
von
Hussein Ahmad
,
Laura Backes
,
Matthias Bartsch
,
Maik Baumgärtner
,
Jürgen Dahlkamp
,
Jörg Diehl
,
Jan Friedmann
,
Dietmar Hipp
,
Andrew Moussa
,
Raniah Salloum
und
Jean-Pierre Ziegler
Lesezeit 17 Min
Verbrechen

Manche Sätze bekommen, lange nachdem sie verhallt sind, einen anderen Sinn. Verlieren ihre Unschuld, lassen einen frösteln, als hätten sie schon immer einen Schrecken in sich getragen, der sich nun offenbart. »Ich will nur, dass meine Kinder eine Zukunft haben«, sagte Kalida M. den deutschen Beamten. Bliebe die Familie im Nordirak, dann würde sie wohl in die Kämpfe zwischen Türken und Kurden hineingezogen. So begründete die Frau, damals 46, im Oktober 2016 beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in Offenbach ihren Asylantrag.

Sie fürchte, dass ihre Familienangehörigen getötet oder selbst zu Tätern werden könnten, heißt es in ihrem Anhörungsbogen. »Ich will aber nicht, dass meine Kinder jemanden ermorden«, sagte sie. Nur darum sei sie nach Deutschland gekommen.

Heute steht fest, dass sich der Wunsch der Kalida M. nicht erfüllt hat. Fernab der Konflikte in der Heimat, nach fast drei Jahren in relativem Wohlstand wurde Kalidas ältester Sohn zum Täter. Ali B., das viertälteste Kind von Kalida M. und ihrem 14 Jahre älteren Ehemann Hashim B., hat gestanden, die 14-jährige Susanna F. umgebracht zu haben. Die Ermittler glauben, dass der 21 Jahre alte Iraker das Mädchen vorher vergewaltigt hatte und diese Tat verdecken wollte. Ali B. bestreitet das.

Der Kriminalfall bewegt die Republik. Kanzlerin Angela Merkel sprach von einem »abscheulichen Mord«. Das Verbrechen fällt nicht nur in eine Zeit, in der sich die Regierung darüber entzweit, in welchem Ausmaß Deutschland künftig noch Flüchtlinge ins Land lassen soll. Es heizt die emotionale Diskussion darüber weiter an.

Ali B. und seine Familie durften trotz eines abgelehnten Asylantrags bleiben, nach der Tat konnten sie sich in den Irak absetzen. Daher stehen in dem Fall gleich mehrere staatliche Institutionen in der Kritik, darunter die Polizei, die zögerlich nach Susanna F. suchte, und die Verwaltungsgerichte, die das Verfahren verschleppten. Und weil der deutsche Staat recht hemdsärmelig dabei vorging, den Verdächtigen aus dem Irak zurückzuholen, muss sich auch der Präsident der Bundespolizei rechtfertigen.

In Mainz und Wiesbaden, wo Ali B. und Susanna F. aufeinandertrafen, stehen solche Fragen nicht im Vordergrund. Die Menschen trauern. Am Dienstag wurde das Mädchen auf dem jüdischen Friedhof in Mainz begraben. Auf der Grabstätte stehen zwei Lichter und…

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Nr. 25/2018