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Das Auto-Syndikat

Die Dieselaffäre ist kein Versagen einzelner Unternehmen. Sie ist das Ergebnis einer jahrelangen Kungelei deutscher Autohersteller. Audi, BMW, Daimler, Volkswagen und Porsche sprachen sich in mehr als tausend Treffen ab. Die Enttarnung eines Kartells.

SIMON PRADES / DER SPIEGEL
von
Frank Dohmen
und
Dietmar Hawranek
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Hinter dem Kleinen verbirgt sich mitunter das Große. Hinter dem Mechanismus, mit dem sich ein Cabrioverdeck auf Knopfdruck öffnet oder schließt, steckt eines der größten Geheimnisse der deutschen Automobilindustrie.

Daimler, BMW, Audi, Porsche und Volkswagen liefern sich einen harten Wettbewerb um die besten Autos. Der hat sie starkgemacht. So lautet die Geschichte, die von den Chefs der Autokonzerne, von Ökonomen und Politikern oft verbreitet wird. Es ist eine Erzählung über die segensreiche Wirkung der Marktwirtschaft, die auf der Konkurrenz der Unternehmen basiert. Doch sie ist falsch. Und dies zeigt sich am Cabrioverdeck.

Daimler, BMW, Audi, Porsche und Volkswagen haben gerade nicht darum gewetteifert, wer seinen Kunden das beste Verdeck anbieten kann. Im Gegenteil: Die Experten der fünf Autohersteller haben sich in vielen Sitzungen abgestimmt. Sie haben beispielsweise festgelegt, bis zu welcher Fahrgeschwindigkeit man in seinem Auto das Verdeck noch öffnen oder schließen kann.

"Kein Wettrüsten bei den Geschwindigkeiten", hielten sie in einem Protokoll ihrer Sitzung in Bad Kissingen fest. Gegen das Wettrüsten sprächen "Kosten, Gewicht, steigendes technisches Risiko, Crashrelevanz". Ein Softtop soll sich deshalb nur bis 50 Stundenkilometer bewegen lassen. Dies gilt für Daimler, BMW, Audi, Porsche und Volkswagen.

Es ist eine Absprache, mit der Wettbewerb und Marktwirtschaft außer Kraft gesetzt wurden. Getroffen wurde sie vom "AK Mechanische Anbauteile". Es gibt noch viele, viele weitere Arbeitskreise der fünf deutschen Autohersteller: einen AK Bremsregelsysteme, einen AK Sitzanlage, einen AK Luftfederung, einen AK Kupplung, aber auch den AK Ottomotoren und den AK Dieselmotoren. Darin wurden die großen Themen besprochen und abgesprochen.

Recherchen des SPIEGEL bei Kartellwächtern in Brüssel und Bonn, bei Autoherstellern in Stuttgart, München und Wolfsburg; Gespräche mit aktiven und ehemaligen Managern ergeben ein bislang unbekanntes Bild der wichtigsten deutschen Industriebranche: Daimler, BMW, Audi, Porsche und Volkswagen konkurrieren oft gar nicht mehr. Sie arbeiten heimlich zusammen, ganz eng, so wie man es nur von verschiedenen Töchtern eines einzigen Unternehmens erwarten würde, einer Art Deutsche Automobil AG – oder von einem Kartell.

Sowohl Daimler als auch Volkswagen, Audi und Porsche haben dies gegenüber der EU-Kommission und dem Bundeskartellamt bereits eingeräumt. In einem Schriftsatz vom 4. Juli 2016 erstattet Volkswagen eine Art Selbstanzeige "wegen Beteiligung an mutmaßlichen Kartellverstößen". Danach haben sich Daimler, BMW, Volkswagen, Audi und Porsche "seit vielen Jahren, mindestens seit den 1990er Jahren, bis zum heutigen Tage" über die Entwicklung ihrer Fahrzeuge, Kosten, Zulieferer und Märkte abgestimmt.

Es geht nicht nur um die Gründung eines exklusiven Klubs der Fünf zur Erlangung wirtschaftlicher Vorteile gegenüber der Konkurrenz. Die Geheimabsprachen sind auch zum Nachteil der Kunden, die sich die Fahrzeuge der deutschen Marken auch deshalb zulegen, weil sie hoffen, nur das Beste, was technisch machbar ist, zu bekommen. Aber wie soll das Beste entstehen, wenn die Konkurrenz gebremst ist, wenn die Ingenieure nicht mehr alles geben, um die Ingenieure der anderen Marken auszustechen?

Und dann sind…

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Nr. 30/2017