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Chill mal, Mama

Schon im Mutterleib entscheidet sich, wie krankheitsanfällig Kinder später sind und wie gut sie lernen können. Hat die Schwangere viel Stress, stört das die Hirnentwicklung ihres Babys. Beim guten Start ins Leben helfen: entspannte Eltern.

MARIO WEZEL / DER SPIEGEL
von
Julia Koch
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Donnerstagabend, Hebammenpraxis: Im Kursraum brennen grüne Windlichte mit Buddha-Motiven, es riecht nach Räucherstäbchen, Duftnote Rose. Elf Frauen mit Kugelbauch liegen auf weinroten Matten.

"Wenn Gedanken kommen, lass sie weiterziehen", sagt mit sanfter Stimme Kursleiterin Julia Weizel. "Sei ganz im Hier und Jetzt." Es folgt ein eineinhalbstündiger Wechsel aus Bewegung und Entspannung: Sonnengruß, Krieger, Kuhrücken, Schwangerendrehsitz, Atemübungen. Das "Gong" einer Klangschale beendet die Einheiten. Am Schluss kuscheln sich die Frauen in ihre Wolldecken. Aus einem kleinen Lautsprecher plätschert Sphärenmusik.

Weizel lehrt Schwangerenyoga im nordrhein-westfälischen Paderborn. Ab der 13. Schwangerschaftswoche können werdende Mütter bei ihr üben, "körperliche und emotionale Veränderungen positiv wahrzunehmen" sowie auf "Urwissen und Mutterinstinkt" zu vertrauen. Die Krankenkassen erstatten einen Teil der Kurskosten. "Viele Frauen kommen zum Yoga, weil sie sich bewusst Zeit nur für sich und das Baby nehmen wollen", sagt Weizel.

"Nach dem Yoga kann ich super schlafen", lobt Nadine Borrasch, 34, bereits Mutter einer Tochter. "Yoga ist gut zum Runterkommen", sagt auch Sophie Romberg, 31. Für sie ist es ebenfalls die zweite Schwangerschaft.

Runterkommen, Zeit für sich, das ist schön für Borrasch und Romberg – noch schöner aber womöglich für ihre ungeborenen Babys. Denn was auf den ersten Blick wirken mag wie duftkerzenvernebelter Lifestyle-Schnickschnack für eifrige Spätgebärende, könnte mit darüber entscheiden, was einst aus den Kindern wird.

Werden sie reizbare Schreibabys sein – oder kleine Buddhas, die wenig aus der Ruhe bringt? Sind sie später schlank, fit und schlau – oder neigen sie zu Übergewicht, Allergien, Stoffwechselkrankheiten und Lernproblemen? Werden sie schwierige Situationen meistern – oder macht jede Herausforderung sie zu hibbeligen Nervenbündeln?

Über den guten Start ins Leben, ist eine wachsende Schar von Gelehrten überzeugt, entscheiden nicht nur Gene und Einflüsse wie Ernährung oder Umweltgifte, sondern auch die Zeit im Bauch der Mama.

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Yogalehrerin Weizel bei Entspannungsübung: „Wenn Gedanken kommen, lass sie weiterziehen“

Im Dunkel des Mutterleibs, haben Forscher herausgefunden, durchläuft jeder Mensch eine folgenreiche Geburtsvorbereitung. Aus den biochemischen Informationen, die ihn über Plazenta, Nabelschnur und die heranreifenden Sinnesorgane erreichen, macht er sich ein Bild von der Umwelt, die ihn erwartet. Herrscht da draußen Überfluss, oder muss er ums Überleben kämpfen? Wird seine Welt voll Liebe sein oder bestimmt von Streit, Lärm und Gewalt?

Nicht die Geburt ist also die Stunde null im Leben eines Menschen. Wer auf die Welt kommt, trägt schon viele Erlebnisse und Erfahrungen mit sich herum – untrennbar verwoben mit denen der Mutter. Und das Baby hat die neun Monate im Mutterleib genutzt, um sich möglichst gut anzupassen an seinen künftigen Lebensraum.

In manchen Kulturen scheint dieses Wissen tiefer verwurzelt als in der westlichen Welt. In China und Korea etwa gelten Kinder traditionell als ein Jahr alt, wenn sie auf die Welt kommen.

Und war die Erforschung der "pränatalen Prägung" bis vor einiger Zeit vor allem Medizinern und Biologen vorbehalten, entdecken jetzt auch immer mehr Neurowissenschaftler und Psychologen das vergleichsweise junge…

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Nr. 44/2017