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Gesellschaft

Chancenviertel

Der G-20-Gipfel richtet die Scheinwerfer auf die Hamburger Sternschanze, einen Stadtteil mit verwegener Geschichte und prominenten Bewohnern. Wie kämpferisch ist das Viertel noch?

MARKUS TEDESKINO / DER SPIEGEL
von
Tobias Becker
und
Claudia Voigt
Lesezeit 18 Min
Gesellschaft

Man kann sich das Schanzenviertel, einen Stadtteil der Millionenmetropole Hamburg, hoch in Deutschlands Norden, wie ein italienisches Dorf vorstellen. Mit einem Kirchturm, der den Anwohnern heilig ist. Mit einer Piazza zu Füßen des Kirchturms, auf der die Anwohner tagsüber flanieren und sich abends versammeln, auf der sie essen und trinken, flirten und diskutieren. Mit Touristen, die am Wochenende die Piazza fluten, den Kirchturm fotografieren und so die Anwohner vorübergehend in die Flucht schlagen.

Die Piazza hört offiziell auf den Namen Schulterblatt, aber die Hamburger sagen tatsächlich Piazza; die Kirche ist die Rote Flora, das bekannteste Autonome Zentrum der Republik, besetzt seit 1989. Seit Jahren sorgt die Rote Flora, wofür neuerdings auch die Elbphilharmonie sorgt: originelle Bilder in der Welt, Heimatstolz zu Hause. Sie gibt dem Schanzenviertel ein Gesicht. Eine Kirche des Antikapitalismus.

Und nun rückt diesem Dorf die große Globalisierung nahe, eine feindselige Welt. Der G-20-Gipfel kommt am 7. und 8. Juli in Hamburgs Messehallen, die unmittelbar ans Schanzenviertel grenzen. Linke Tradition trifft auf neoliberale Gegenwart, hippieske Anarchie auf ganz reale Machtpolitik. Dies ist das Porträt eines Stadtteils, der bald weltweit in den Nachrichten sein wird, eines Viertels, dem in den vergangenen Jahren eine Identitätskrise drohte – und das sich nun auf seine Ideale besinnt.

Der Stadtteil Sternschanze, wie er offiziell heißt, liegt mitten in Hamburg. Er hat einen Park und eine eigene S-Bahn-Station, 8000 Menschen leben hier auf gut einem halben Quadratkilometer. Enge Gassen, viel Kopfsteinpflaster. Die zentralen Straßen sind das Schulterblatt und die Schanzenstraße.

Wer hier wohnt, schätzt den Geist des Widerstands. Es gibt noch immer viele Wohnprojekte linker Aktivisten, aber auch Schriftsteller und Künstler haben sich niedergelassen, Journalisten und Werber. Sie haben unterschiedliche Blickwinkel auf das Viertel, doch jeder von ihnen, das haben viele Gespräche in den vergangenen Wochen gezeigt, möchte das Dörfliche retten, das lässige Nebeneinander der Kulturen, das Improvisierte. Und ausgerechnet hier werden Anfang Juli Trump und Putin aufeinandertreffen.

Vor dem verrammelten Haupteingang der Flora campieren Obdachlose. Auf einer der Treppenstufen steht "Heute tanz ich", eine Stufe darunter "morgen G 20!". Protestlyrik. Um sie herum Plakate für Politpartys, hoch über ihnen ein Banner: "Capitalism will end anyway – you decide when", "Der…

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Nr. 25/2017