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Bumm, bumm, bumm

Der Österreicher Harald Ott züchtet in Boston menschliche Herzen und andere Ersatzteile für den Menschen. Was klingt wie aus dem Labor von Dr. Frankenstein, könnte künftig die Organknappheit besiegen.

JASON GROW / DER SPIEGEL
von
Dialika Neufeld
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Das Herz des kleinen Mädchens wabert wie eine seltene Tiefseequalle durch die Flüssigkeit. Mondfarben ist das Organ, mandarinengroß. Es schwimmt in einem Glas, auf einem Bostoner Labortresen, eingebettet in eine verworrene Landschaft aus sterilen Handschuhen und Pappkartons voller Schläuche und Spritzen. Bevor es dort hinkam, schlug es zehn Monate lang in einem kleinen Brustkorb. Dann hat es aufgehört.

Das Glas ist mit einem Plastikdeckel zugeschraubt. "Ott" hat jemand mit schwarzem Filzer daraufgeschrieben, und wenn diese drei Buchstaben auf etwas Totem stehen – auf dem konservierten Herzen eines Säuglings, auf der eingeglasten Lunge einer jungen Frau, auf der Niere eines Vaters –, dann bedeutet das, dass es für dieses Organ noch nicht zu Ende ist. Dass ein kleines Wunder geschehen könnte mit diesem Stück Mensch.

Harald Ott heißt der Mann, der versucht, das Wunder zu vollbringen. Er leitet ein Labor, dessen Mitarbeiter einer Vision hinterherforschen, die schon vor 200 Jahren in einem Roman namens "Frankenstein" für Schaudern sorgte: Sie versuchen, Leben zu züchten, die Natur zu überlisten; aus Körperteilen, die eigentlich verwesen müssten, Körperteile zu machen, die wieder funktionieren.

Ott belebt Herzen. Erweckt Lungen. Züchtet Nieren. Und glaubt daran, sie eines Tages auch transplantieren zu können. Er sagt: "Why not? Es gibt keinen Grund, warum es nicht funktionieren sollte."

Harald Ott ist Österreicher, das hört man, wenn er "Grüß Sie" sagt, 39 Jahre alt, Vater zweier Kinder, Ehemann einer "sehr geduldigen Frau", wie er sagt. Ein Mann, der sich für Glasbläserei begeistert, der Bastelarbeiten in der Garage liebt und Orchideen mag. Der sagt: "Ich lasse halt gern Dinge wachsen."

An diesem Montag ist er schon früh zur Arbeit gefahren, sein Labor liegt im West End der Stadt, im vierten Stock eines von Empfangsleuten bewachten Forschungszentrums. Er trägt ein dunkelblaues Jackett, eine grün-blau gestreifte Krawatte, wirkt mehr wie ein Pharmavertreter im Außendienst als wie ein Mann, der im Labor daran arbeitet, die Transplantationsmedizin neu zu erfinden. "Morning, Lisa", sagt er zu seiner Sekretärin. "Labormeeting um 10.30 Uhr?" Er müsse vorher noch ins Büro, ein paar Telefonate. Und später mache er drüben im Krankenhaus eine Biopsie bei einem Patienten mit Krebs.

Harald Ott ist Thorax-…

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Nr. 44/2016