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Bonbons für die Klötzchenfischer

Wie entwickeln Kinder Moral und Gerechtigkeitssinn? Wie wichtig ist ihnen die Meinung anderer? Forscher enträtseln die Entstehung der Persönlichkeit. Ein Befund: Menschen sind viel angepasster als Affen.

SVEN DOERING / DER SPIEGEL
von
Julia Koch
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Er könnte das gelbe Smartie einfach so aus der durchsichtigen Plexiglasbox nehmen und aufessen. Die Schokolinse liegt in einer Mulde am Boden, leicht zugänglich durch eine Öffnung an der Seite. Doch Karl, 5 Jahre alt, blonde Korkenzieherlocken, überlegt, was er jetzt tun soll.

Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht: Der Junge streicht mit einem blauen Plastikstab an der Kiste entlang, steckt ihn durch eine Öffnung im Deckel und schlägt den Stab schließlich in seine Handfläche. Dann erst holt er die Süßigkeit heraus.

Karl müsste wissen, dass das Prozedere vollkommen überflüssig war. Aber das Kind hat vorher miterlebt, wie ein Erwachsener genauso umständlich vorgegangen ist, bevor er nach der Schokolinse griff.

Obwohl er wohl durchschaut hat, dass die Choreografie nichts bringt, bemüht sich der Junge, es seinem Vorgänger gleich zutun. „Überimitation“ nennen Psychologen sein Verhalten. Es gehört zu jenen Fähigkeiten, die uns Menschen zu sozialen Wesen machen.

Doch ist diese Neigung zum Nachahmen bei allen Menschen gleich stark ausgeprägt? Was würde Karl tun, wenn er sich mit Box und Schokolinse unbeobachtet von den Experimentatoren wähnte? Und was sagt der Eifer, mit dem Kinder Handlungen ihrer Mitmenschen imitieren, über ihre künftige Persönlichkeit aus? Unter welchen Bedingungen wird jemand zum angepassten Mitläufer – oder zum Querdenker, der gegen den Strom schwimmt?

Das sind einige der Rätsel, die ein Forscherteam…

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Nr. 20/2016