Lesezeit 18 Min
Politik

Bleibt weg

Die Bundesregierung will „Fluchtursachen bekämpfen“, doch was bedeutet das? Erkundungen in einem Land, das deutsche Soldaten und Entwicklungshelfer zum Musterstaat in Afrika machen wollen – und zum Zentrum einer neuen Abwehrschlacht.

SOPHIE GARCIA / DER SPIEGEL
von
Marian Blasberg
,
Bartholomäus Grill
und
Jan Puhl
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Politik

Es ist ein feuchter Morgen im Oktober, als ein junger deutscher Leutnant in Wüstencamouflage auf dem Übungsgelände einer malischen Kaserne dazu ansetzt, ein paar einheimischen Pionieren ein Gefühl für den Fortschritt zu vermitteln. Er öffnet seine Werkzeugkiste und wuchtet einen Motorspaten auf sein Knie.

„Unsere Cobra!“, sagt er und blickt erwartungsvoll in die Runde.

„Cobra“, sprechen die Afrikaner nach. Sie nicken anerkennend.

Die Malier stehen auf alte Handspaten gestützt, die rote Erde dampft noch vom Regen der letzten Nacht. Der Deutsche zieht den Anlasser und bricht mit beeindruckender Leichtigkeit gewaltige Blöcke aus dem Erdreich. „Fragen dazu?“, fragt er, als er den Motorspaten wieder absetzt.

Die Malier schauen auf den Boden. „Jemand, der mal Hand anlegen will?“

Niemand meldet sich.
„Gut. Dann habt ihr sie zumindest mal gesehen. Wichtig noch: Wie alles Werkzeug gehört die Cobra nach Gebrauch wieder ordnungsgemäß in ihre Kiste.“

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Deutsche Militärausbilder in Koulikoro: Der Staat brach binnen Wochen zusammen, am Ende stand ein europäisches Problem

Es sind einfache Dinge, die die Deutschen den Maliern hier in Koulikoro beibringen. Sie erklären ihnen, wie man Schützengräben aushebt, Checkpoints einrichtet oder Verwundete versorgt. Durchgeführt werden diese Schulungen im Rahmen einer Militärmission, um die Mali die EU Anfang 2013 gebeten hatte. Die Deutschen stellen mit 212 Mann das größte Kontingent.

Die malische Armee war kollabiert, als aufständische Tuareg-Milizen im Januar 2012 ein paar Kasernen angriffen, um im Norden des Landes einen unabhängigen Staat auszurufen. Binnen Tagen lösten sich ganze Bataillone auf. Währenddessen schufen die Tuareg nördlich des 14. Breitengrades Fakten und ernannten das Wüstennest Gao zum Sitz ihrer Regierung. In Städten wie Timbuktu oder Kidal zogen Islamisten marodierend durch jahrhundertealte Kulturdenkmäler und erklärten die Scharia zum Gesetz. In der Hauptstadt putschte eine Clique junger Unteroffiziere gegen die Zentralregierung. Innerhalb weniger Wochen brach der Staat zusammen, und was blieb, war Zerstörung, waren Terror, Hunger, Menschen auf der Flucht. Was blieb, war auch ein europäisches Problem.

Mali ist ein geopolitischer Knotenpunkt, durch die endlosen Weiten der Sahara verlaufen einige der wichtigsten Migrationsrouten. In den Flüchtlingsbooten, die vor der italienischen Küste kenterten, saßen immer häufiger Menschen aus Mali.…

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Nr. 48/2015