Lesezeit 28 Min
Gesellschaft

Bis zum letzten Tropfen

Das Wasser wird knapp, weltweit nehmen Dürren zu – mitschuldig daran sind Verbraucher, die spanische Erdbeeren kaufen, aber auch Regierungen und Konzerne, die sich an der wichtigsten Ressource der Zukunft bereichern. Sie ist wertvoller als Erdöl.

MONICA GUMM / DER SPIEGEL
von
Nicola Abé
,
Jens Glüsing
,
Felix Lill
,
Michaela Schießl
,
Samiha Shafy
und
Helene Zuber
Lesezeit 28 Min
Gesellschaft

Männer wie Edward Mooradian retten Kalifornien, denn ohne sie gäbe es hier kaum noch Wasser, und ohne Wasser gäbe es, im vierten Jahr einer epischen Dürre, nur noch Wüste. Es ist deshalb ein zynischer Scherz oder die ganze Geschichte in einem Satz und vor allem eine tragische Wahrheit, dass Männer wie Edward Mooradian Kalifornien zugleich zerstören. Sie verschlimmern die Not, die sie lindern wollen. Catch-22 nennen das die Amerikaner, wenn es nur schlechte Alternativen gibt; wenn das Spiel verloren ist, so oder so.

An einem Sonntagmorgen im Juli steht Edward Mooradian zwischen Orangen- und Zitronenbäumchen in der Nähe von Fresno im Central Valley, jenem Landstrich im Herzen Kaliforniens, der die USA, Kanada und Europa mit Obst, Gemüse und Nüssen versorgt. Es ist erst kurz vor acht Uhr, aber heiß und fast windstill. Mooradian, braun gebrannt und kräftig, mit Helm und Sonnenbrille, schaltet die Bohranlage auf seinem Truck ein. Sie gibt ein wütendes Gurgeln von sich und versenkt ein langes Rohr in der Erde.

Mooradian bohrt nach Grundwasser, und seitdem in Kalifornien die Flüsse und Seen austrocknen, tut er das Tag und Nacht, sieben Tage die Woche. Sein Auftragsbuch für die nächsten Monate ist so voll, dass er nicht mehr ans Telefon geht. Er könnte die Anrufer nur vertrösten, und es bedrückt ihn, ihre Verzweiflung zu hören. Sie brauchen dringend Wasser, die Bauern, die wegen der Dürre vor dem Bankrott stehen, aber auch Familien, die Alten und die Kranken, die seit Monaten oder auch Jahren ohne einen Tropfen fließendes Wasser leben müssen, hier in Kalifornien, dem Urlaubsparadies, "The Golden State".

"Beim letzten Brunnen sind wir bis auf 360 Meter runtergegangen", sagt Mooradian und wischt sich mit dem Unterarm den Schweiß aus dem Gesicht. Er deutet auf das Schlamm speiende Loch: "Das hier soll bloß 120 Meter tief werden, das können wir auch im Schlaf."

Die Frage ist nur, ob er da unten Wasser findet. Wenn ja, wäre sein Auftraggeber, ein Landwirt, vorerst gerettet. Die kilometerlangen Reihen identisch aussehender Obstbäumchen blieben grün, im Gegensatz zu der Verwüstung um sie herum: rissige Erde, fahlgelbe Wiesen und tote Bäume, deren Äste mahnend in den Himmel ragen wie Dinosaurierknochen.

Und wenn nicht? "Kürzlich haben wir hier in der Nähe ein 270 Meter tiefes Loch gebohrt, das trocken war", erzählt Mooradian. "O Mann, das hat mich krank gemacht. Die armen Leute, sie hatten sich verschuldet für diesen Brunnen."

Nicht nur die kalifornischen Flüsse und Seen versiegen, auch das tief liegende Grundwasser schwindet rapide. Denn die Mehrheit der 40 Millionen Kalifornier saugt inzwischen an dieser letzten Wasserreserve, so heftig und unkontrolliert, dass der Boden unter ihnen absackt, im Extremfall bis zu drei Meter im Jahr. Der unterirdische Speicher kollabiert. Deshalb werden Brücken instabil, Bewässerungskanäle und Straßen gehen kaputt.

Dieses Grundwasser erneuert sich nicht; es ist viele Tausend Jahre alt. Immer tiefer muss bohren, wer das Wettrennen um die letzten Vorräte gewinnen will.

Männer wie Edward Mooradian helfen Durstigen und Verzweifelten, an Wasser zu kommen. Und zugleich tragen sie dazu bei, dass hier bald alles zusammenbricht.

Die durstige Welt

Aus dem All betrachtet mag die Erde ein blauer Planet sein, doch nur 2,5 Prozent dieses Wassers sind süß. Sie werden verschwendet, verdreckt, vergiftet, und sie sind himmelschreiend ungerecht verteilt.

Die Weltbevölkerung hat sich seit 1950 fast verdreifacht, der Wasserkonsum etwa versechsfacht. Und weil die Menschen mit ihrem Treibhausgasausstoß das Klima auf der Erde verändern, wächst die Ungerechtigkeit noch.

Wenn die Rede davon ist, dass Wasser knapp wird, geht es zunächst einmal um Menschen, die Durst leiden. Nahezu eine Milliarde Menschen müssen verseuchtes Wasser trinken, weitere 2,3…

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Nr. 33/2015