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Politik

Besuch im Morgengrauen

Präsident Erdoğan nutzt den Putschversuch, um gegen Kritiker vorzugehen. Unbotmäßige Journalisten etwa werden systematisch ausgeschaltet.

EMIN OZMEN / DER SPIEGEL
von
Maximilian Popp
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Politik

Dem Redakteur Bülent Mumay blieben zwei Optionen, als ihn am frühen Morgen des 24. Juli ein Freund per Telefon vor einer Razzia der Polizei warnte: Mumay konnte sich stellen und möglicherweise ins Gefängnis gehen – oder fliehen.

Polizisten hatten in der Nacht bereits mehrere türkische Journalisten festgenommen. "Sie suchen nach dir", sagte der Freund am Telefon. Mumay packte Laptop und Klamotten in eine Tasche und tauchte bei Bekannten unter. "Ich wollte herausfinden, was los ist, was genau mir die Regierung vorwirft", erzählt er.

Mumay, 39, hat für den Medienkonzern Doğan gearbeitet, war stellvertretender Chefredakteur der liberalen Tageszeitung "Radikal", Deutschlandkorrespondent der "Hürriyet", zuletzt deren Onlinechef. Für seine Berichterstattung über die regierungskritischen Proteste im Istanbuler Gezi-Park 2013 wurde er vom International Press Institute ausgezeichnet.

Nun landete sein Name auf einer Liste mit 41 anderen Journalisten, die von dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan bezichtigt werden, Anhänger des Predigers Fethullah Gülen zu sein. Auf Befehl des Islamisten Gülen, der bis vor rund fünf Jahren ein Vertrauter Erdoğans war, sollen sie den Militärputsch vom 15. Juli angezettelt haben, bei dem fast 300 Menschen starben und über tausend verletzt wurden.

Freunde rieten Mumay, die Türkei zu verlassen. Doch das wäre ihm wie ein Schuldeingeständnis erschienen. Mumay postete auf Twitter ein Foto seines…

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Nr. 32/2016