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Politik

„Bereit, alles niederzubrennen“

Der Moskauer Philosoph Alexander Zipko war unter Gorbatschow ein Vordenker der Perestroika. Heute glaubt er, dass Russland in die Hände verrückt gewordener Patrioten gefallen ist.

DENIS SINYAKOV / DER SPIEGEL
von
Christian Neef
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Politik

Zipko, Jahrgang 1941, arbeitet im Institut für internationale Wirtschaft und Politik an der Russischen Akademie der Wissenschaften. In den Achtzigerjahren gehörte er zur Perestroika-Bewegung um Michail Gorbatschow. Zipko war wegen seiner Sympathien für die polnische Solidarność vom KGB observiert worden und hat auch in Japan und den USA gearbeitet. Gorbatschows Nachfolger Boris Jelzin bot ihm mehrfach Ministerposten an, die Zipko wegen dessen gewaltsamen Vorgehens gegen die Opposition ablehnte. Die Übernahme des Präsidentenamts durch Putin begrüßte er, heute ist er einer der schärfsten öffentlichen Kritiker des Kreml.

SPIEGEL: Alexander Sergejewitsch, in einer Umfrage sagt mehr als die Hälfte der Russen, ihr Land gehöre nicht mehr zu Europa. Überrascht Sie das?

Zipko: Nein. Das ist ein Beleg für jene geistige Krise, in der sich Russland gegenwärtig befindet. Selbst zu sowjetischer Zeit verstanden die Menschen: Russland ist Teil der westlichen Zivilisation. Damals wurden bei uns nicht – wie heute – Westen und Osten gegenübergestellt, sondern Kapitalismus und Kommunismus. Und der Marxismus als angeblich fortschrittliche Idee war ja aus dem Westen gekommen. Jetzt ist dieser Westen laut offizieller Propaganda unser Feind. Und die meisten akzeptieren das. Wir Russen sind leichtgläubig und beeinflussbar. Es gibt russische Philosophen, die sagen, es fehle uns die Fähigkeit zum eigenständigen Denken.

SPIEGEL: Viele russische Denker…

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Nr. 23/2016