Lesezeit 15 Min
Geschichte

»Ben-Gurion ist der Erfinder der Idee, dass man den Konflikt nicht lösen, sondern nur managen kann«

Der Historiker Tom Segev über den Staatsgründer David Ben-Gurion, dessen Erbe heute, im 70. Jahr von Israels Bestehen, so aktuell ist wie nie. Denn er glaubte nicht an den Frieden – und hoffte, die Palästinenser würden ihr Land einfach vergessen.

JONAS OPPERSKALSKI / DER SPIEGEL
von
Alexander Osang
und
Juliane von Mittelstaedt
Lesezeit 15 Min
Geschichte

Der israelische Historiker und Autor Tom Segev, 73, ist einer der besten Erklärer seines Landes, kaum einer hat so viele historische Mythen zertrümmert wie er. In seinem neuen Buch holt er ausgerechnet Israels größten Helden vom Sockel: David Ben-Gurion, den ersten Premierminister, der vor 70 Jahren, am 14. Mai 1948, die Unabhängigkeit erklärte(*).

Segev empfängt in seiner Jerusalemer Wohnung, er spricht fließend Deutsch; in den Siebzigerjahren arbeitete er als Korrespondent in Bonn, seine Mutter stammt aus Göttingen. Sie eröffnete ein Fotostudio in Jerusalem und machte 1963 das Porträt, das nun Segevs Buchcover schmückt. Ben-Gurion lächelt darauf ein wenig schelmisch, die Haare stehen wild ab. Vier Tage später trat er zurück. Das wusste er wohl schon, als das Foto entstand.

SPIEGEL: Herr Segev, in Ihrem neuen Buch haben Sie sich an den Staatsgründer David Ben-Gurion herangewagt. Sie zeigen ihn als zerrissenen Menschen, der depressive Phasen hat und oft wochenlang im Bett liegt. Er lügt und drückt sich vor Verantwortung. Waren die Israelis enttäuscht von diesem jämmerlichen Helden?

Segev: Jämmerlich würde ich ihn nicht nennen. Aber ja, manche waren enttäuscht – und andere angenehm überrascht. Ben-Gurion war immer eine sehr kontroverse Figur, er hat ja auch bei Wahlen nie mehr als ein Drittel der Stimmen bekommen. Gleichzeitig ist er heute unglaublich populär in Israel. Allein in den sechs Jahren, in denen ich an dem Buch gearbeitet habe, sind vier andere Biografien über ihn entstanden.

SPIEGEL: Weil die Menschen sich nach einem Staatsmann sehnen?

Segev: Das glaube ich, ja. Es gibt eine große Sehnsucht nach dem, was ich staatsmännische Integrität nennen würde. Und das hat natürlich mit Benjamin Netanyahu und seinen angeblichen Korruptionsaffären zu tun. Außerdem steht Israel auch heute noch immer vor denselben Problemen, die bereits Ben-Gurion beschäftigten.

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Nr. 16/2018