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Gesellschaft

Ausweitung der Angstzone

Der Terror ist in die Urlaubsgebiete vorgedrungen, er kam bis an den Strand. Die Deutschen haben aus Furcht ihr Reiseverhalten verändert. Die touristische Welt wird neu eingeteilt – in Gewinner und Verlierer.

ARMIN SMAILOVIC / DER SPIEGEL
von
Dieter Bednarz
,
Giorgos Christides
,
Julia Amalia Heyer
,
Ralf Hoppe
,
Maximilian Popp
,
Jan Puhl
und
Helene Zuber
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Gesellschaft

Er ist schnell noch mal die Positionen der Videokameras abgefahren, hat sich nach dem Stand der Wartungsarbeiten am Sprengstoffdetektor erkundigt und abermals die künftige Stärke der Wachmannschaft kalkuliert. Jetzt braucht Security-Experte Mohab Bakr nur noch seine Zigaretten, dann ist er bereit für den wichtigsten Termin des Tages, der Woche, sogar der Saison: das Security-Meeting mit der Geschäftsleitung des Resorts Taba Heights in Ägypten. Für dessen Sicherheit ist Bakr zuständig.

Heute wird auch „Mister Jokim“ dabei sein, Bakrs oberster Chef: Joachim Schmitt, Deutscher und Vizepräsident für Hotels und Resorts der Orascom-Gruppe, der auch Taba Heights gehört. Der internationale Konzern betreibt zwischen Nil und Rotem Meer 25 Häuser mit fast 15 000 Betten. Das Geschäft lief schon mal besser: Die Unruhen nach dem Sturz Hosni Mubaraks im Jahr 2011 und der Terror der Islamisten haben die Aktien der auch in der Schweiz registrierten Orascom von einst 150 auf unter 10 Franken sinken lassen.

Schmitt, oder „Mister Jokim“, wie Bakr ihn nennt, will über die Sicherheitslage sprechen – Sicherheit ist in diesen Zeiten zu einem wertvollen Gut geworden. Oder vielleicht sogar: zu dem wertvollsten Gut.

Bakr ist ein bulliger Mann mit dunklem Schnauzbart, Anfang fünfzig, er trägt eine helle Leinenhose, ein blau-weiß kariertes Hemd; wenn er die Ferienanlage inspiziert, fällt er unter den Gästen kaum auf. Jetzt aber sitzt Bakr in seinem Büro, das über der Zentralwäscherei liegt, am äußersten Rand der Anlage, und erzählt, wie er die Touristen beschützt.

Sie sollen sich wieder sicher fühlen in Ägypten, die Franzosen, die Schweizer, die Deutschen. Sie sollen doch bitte bald wiederkommen, in die Hotels, zu den Korallen, dem tiefblauen Meer, das ist Bakrs größter Wunsch.

Das Terrain, über das er herrscht, ist riesig, weit über vier Millionen Quadratmeter, das entspricht ungefähr einer Fläche von 616 Fußballplätzen. Drei Sicherheitskreise umschließen das Feriendorf mit Golfplatz, Einkaufspassagen und eigener Krankenstation. Die Hauptstraße, die weiter in den ägyptisch-israelischen Grenzort Taba führt, wird von Militärposten gesichert, mit aufgestellten Maschinengewehren hinter Sandsäcken. Die Hauptzufahrt zum Resort untersteht der Polizei und Bakrs Wachleuten. Er hat eine Truppe von etwa hundert Männern. Jeder Wagen wird mit Bodenspiegeln untersucht und von Sprengstoffhunden beschnüffelt, immer und ohne Ausnahmen, auch der alte Peugeot „General Mohabs“, wie Bakr genannt wird.

Denn das war er in seinem ersten Leben. Als Verbindungsoffizier hat er auf der Sinaihalbinsel den Kontakt zu Israelis, multinationalen Truppen, aber auch zu den Palästinensern gehalten. Er zeigt Fotos, die ihn am Verhandlungstisch mit israelischen Offizieren zeigen, mit Palästinenserführer Jassir Arafat in dessen Büro in Gaza. Auch für Abdel Fattah el-Sisi hat Bakr gearbeitet, da war der ägyptische Präsident noch Chef des Militärgeheimdienstes.

Nach gut drei Jahrzehnten aber hat sich Bakr dann als Brigadegeneral in den Ruhestand versetzen lassen. Ihm sei der „Stress zu groß geworden“, sagt er. Jetzt jedenfalls führt er, vergleichsweise entspannt, das Kommando über seine Wachleute und verdient dabei deutlich mehr Geld. „Der neue Job“, sagt er, „ist kinderleicht.“

Eine überraschende Aussage. Denn der Sinai gilt als Hochburg des Terrors, und für Ägypten gibt es auf der offiziellen Liste des Auswärtigen Amtes eine „Teilreisewarnung“. Und die Deutschen lesen diese Listen gerade…

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Nr. 28/2016